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Zum Welttag: Wie gelingen Innovation und Kreativität im Unternehmen? – Interview mit Bianca Prommer

Am 21. April begehen wir global den „Welttag der Kreativität und Innovation“. Das Ziel dieses Tages ist es, die Bedeutung von Innovationen für die Nutzung des wirtschaftlichen Potenzials von Nationen global sichtbar zu machen und aufzuzeigen, wie intensiv Innovation und Kreativität neue Impulse für das Wirtschaftsleben setzen können. Gerade in Zeiten von COVID19 sind Unternehmen mehr denn gefordert, neue und innovative Wege zu gehen. Anlässlich des Welttags der Kreativität und Innovation sprachen wir mit Innovationsexpertin Bianca Prommer, Geschäftsführerin von GrowFact, Österreich, über die generelle Bedeutung von Innovation und deren spezielle Rolle im Nachhall der Corona-Krise.

Innovation muss Bestandteil der DNA des Unternehmens werden – Innovationsexpertin Bianca Prommer im Interview

Schönen guten Tag Frau Prommer, Sie sind Innovationsexpertin, beraten Unternehmen bei deren Innovationsprojekten und unterstützen dabei, das Thema Innovation tief in der jeweiligen Unternehmens-DNA zu verankern. Weshalb ist Innovation für alle Unternehmen so wichtig?

Durch die Digitalisierung, Globalisierung und den rasanten technologischen Fortschritt hat Innovation – die schon lange ein wichtiger Erfolgsbestandteil war – in vielen Firmen zusätzlich an Bedeutung gewonnen. Neue Anbieter strömen auf den Markt und stellen insbesondere traditionelle Unternehmen, deren Geschäftsmodelle veraltet sind, vor eine große Herausforderung. Denken wir nur an das Scheitern großer, etablierter Marken wie Kodak oder Nokia, die es verabsäumten, den Zeitgeist zu erkennen. Und während viele Hotels Unsummen in immer noch größere Wellnessbereiche steckten, schickte sich AirBnB an, den Markt zu revolutionieren. Auch die Taxibranche wurde still und leise durch Uber in Turbulenzen gebracht.

Innovationsexpertin Bianca Prommer in einem Vortrag zum Thema "Schluss mit Bullshit-Innovationen"
Um wirklich nachhaltig erfolgreich zu sein, müssen Unternehmen den Schritt zu wahren Innovationen wagen – und erkennen, wann sie sich neu aufstellen müssen. (Bild: © Winkelbauer)

In fast jeder Branche ist die Plattform-Ökonomie angekommen, und wer seine bestehenden Leistungen und Geschäftsmodelle nicht permanent und in der Tiefe hinterfragt und durch neue ersetzt, bleibt zurück. In meiner Beratungspraxis erlebe ich immer wieder, dass Unternehmen der Meinung sind, sie bräuchten keine Veränderung, da die Auftragsbücher voll und die Gewinne hoch sind. Oder aber ich treffe auf Unternehmen, die Innovation bloß an der Oberfläche betreiben und meinen, ach so großartig und kreativ unterwegs zu sein. Aber diese Bullshit-Innovationen, wie ich sie nenne, sind reine Kosmetik und bringen kein Unternehmen weiter. Solange der Innovationsgedanke nämlich nicht wirklich Teil der Unternehmens-DNA ist, hat Innovation nicht wirklich stattgefunden.

Die Krise rund um COVID19 hat vieles verändert. Sie sind überzeugt, dass Unternehmen gerade jetzt keinesfalls im Bereich des Innovationsmanagements sparen sollten. Warum?

Die Welt wird nach dieser Krise vollkommen anders aussehen als zuvor. Nicht umsonst spricht man schon von einer neuen Zeitrechnung – vor Corona und danach. Die Auswirkungen werden Unternehmen nicht nur jetzt, sondern auch in den nächsten Monaten, vielleicht sogar Jahren, spüren. War kluges Innovationsmanagement schon vorher ein sehr wichtiger Faktor, so ist es nun für alle Unternehmen unabdingbar geworden.

Wir können aus heutiger Sicht noch nicht genau abschätzen, wie sich die Menschen und deren Konsum- und Arbeitsverhalten im Laufe dieser globalen Krise wandeln werden. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass sie sich verändern werden. Wir wissen allerdings nicht, in welchem Ausmaß Konsumenten bei ihrem Online-Einkaufverhalten bleiben wollen oder doch lieber vorrangig in der realen Welt einkaufen wollen. Es ist auch nicht einschätzbar, wie sehr das Arbeiten aus dem Homeoffice von Mitarbeitern wie Unternehmen angenommen und zur Norm erklärt wird. Werden Kunden bereit sein, zu investieren oder aus dem Schock der Krise heraus ihre Mittel doch lieber horten? Welche neuen Geschäftsmodelle werden sich nachhaltig verankern? Wie stellen Unternehmen den angesichts der Krise schnell vollzogenen Produktwechsel (zum Beispiel von Sitzbezügen zu Atemschutzmasken) wieder zurück? Ist es sinnvoll, weiterhin in Elektromobilität zu investieren? Eines steht fest: Die Zukunft ist – jede Branche betreffend – höchst unsicher und deshalb brauchen Unternehmen gerade jetzt systematisches Innovationsmanagement.

Welche Rolle spielt dieses Innovationsmanagement, was können sich unsere Leser im Detail darunter vorstellen?

Grundsätzlich umfasst das Innovationsmanagement alle Aufgaben, die ein Unternehmen braucht, um innovativ zu sein. Das schließt die Bestimmung von Suchfeldern und Trends genauso ein wie die Ideenentwicklung, -bewertung und -umsetzung. Das Innovationsmanagement ebnet den Weg von der Vision zur erfolgreich umgesetzten und am Markt eingeführten Idee.

Und genau darum geht es jetzt: Schnell neue Entwicklungen identifizieren, aktuelle Kundenbedürfnisse erfassen und dem Kunden einen Mehrwert liefern. Während der Corona-Krise haben das einige Unternehmen sehr gut hinbekommen, indem sie eine sogenannte Veränderungsintelligenz gezeigt haben: Sie reagierten schnell auf die veränderten Bedingungen, haben ganze Produktionslinien umfunktioniert und neue Produkte außerhalb des eigentlichen Geschäftsfelds produziert. Diese außergewöhnliche Situation zeigte auch auf, was alles in welchem Tempo möglich ist, wenn Gefahr droht. Vor ein paar Wochen wäre das in den meisten Unternehmen noch unmöglich gewesen. Bedenken wie „Das können wir doch nicht machen, das braucht doch niemand, das dauert zu lange“ hätten jede innovative Idee im Keim erstickt. Und dann zeigte sich auf verblüffende Art und Weise, wie schnell ein Virus diese Bedenken in den Hintergrund rücken kann und man urplötzlich erfolgreich und kreativ ins Tun kommt.

Dieses Tempo, diese Innovationskraft, gilt es nun auch für die Nach-Corona-Zeit beizubehalten. Jederzeit kann eine neue massive Krise am Horizont auftauchen, wer dann nicht entsprechend bereit und aufgestellt ist, wird eventuell nicht überleben. Schon allein aus diesem Grund – wenn es auch noch zahlreiche andere Gründe gibt – ist ein effizientes, systematisches Innovationsmanagement unbedingt erforderlich.

Nicht auf das Gefühl der Dringlichkeit warten

Viele Unternehmen haben im Unternehmensalltag Probleme bei der Umsetzung ihrer Innovationsmanagement-Maßnahmen. Wo genau liegen die Herausforderungen?

Egal ob Krise oder nicht – ein Unternehmen sollte sich selbst immer wieder auf die Rüttelstrecke stellen und das eigene Geschäftsmodell reflektieren. Dabei treffe ich leider viel zu oft auf die Aussage „Never change a running system“. Bis Anfang März 2020 befanden sich viele Unternehmen auch durchaus in der bequemen Situation, nichts verändern zu müssen. Die Auftragsbücher waren voll, die Umsätze beständig. Wie schnell sich ein solcher Status quo jederzeit ändern kann, wissen wir spätestens seit COVID-19.

Innovationsexpertin Bianca Prommer im Vortrag
Wenn es darum geht, wahre Innovation in der DNA der Unternehmen zu verankern, gilt es einige (krisenunabhängige) Herausforderungen zu lösen. (Bild: © THOMAS DREIER PHOTOGRAPHIE)

Und das zeigt auch schon die wohl größte Herausforderung. Solange kein echtes Gefühl der Dringlichkeit für Innovationen vorhanden ist, wird sich auch nichts verändern. Solange Führungskräfte und Mitarbeiter der Meinung sind, dass neue Produkte oder Services nicht notwendig sind, wird nicht innovativ gehandelt. Dann ist auch niemand bereit, Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Bis vor kurzem habe ich oft gehört: „Wir haben keine Zeit für Innovation“. Im Grunde genommen bedeutet das jedoch: „Innovation ist uns nicht wichtig genug.“ Im Moment sieht es so aus, dass viele Unternehmen mehr Zeit haben. Aufträge wurden storniert oder verschoben, Mitarbeiter sitzen im Homeoffice oder werden in die Kurzarbeit geschickt. Zeit wäre nun also da. Und jetzt heißt es wiederum: „Wir haben kein Budget.“ Die Ausreden häufen sich ohne Ende, dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass innovatives Denken und Handeln keinen Aufschub dulden.

Eine weitere Herausforderung ist oft das mangelnde Know-how in den Unternehmen, wie Innovation denn zu implementieren ist. Wer hier nicht wirklich professionell vorgeht, erzeugt die eingangs bereits erwähnte Bullshit-Innovation ohne große Auswirkungen. Ich rate daher allen Unternehmen, entweder einen Innovationsmanager oder eine Innovationsmanagerin einzustellen oder sich externe, beratende Hilfe zu holen. Es ist allerhöchste Zeit, in Innovation zu investieren. Wer dies nicht tut, wird als Unternehmen mit hoher Wahrscheinlichkeit im Laufe der nächsten Jahre untergehen.

Welche ersten Schritte sollten Unternehmen jetzt machen? Was raten Sie Unternehmen, um langfristig innovativ zu werden?

Wenn ich beginne, mit Unternehmen am Thema Innovation zu arbeiten, klären wir zunächst folgende Fragen:

  • Was bedeutet Innovation für uns? Welche Definition für Innovation wollen wir im Unternehmen verwenden? Sind es disruptive Innovationen oder doch eher kleine Ideen? Oder beides? Welche Innovationsarten wollen wir bedienen?
  • Wohin wollen wir mit dem Thema Innovation überhaupt? Wie sieht unser Unternehmen aus, wenn wir innovativ(er) sind?

Diese Fragen stecken einen ersten Rahmen für ein systematisches Innovationsmanagement ab. Oft verzetteln sich Unternehmen in ihren Innovationsbemühungen, genau das soll durch die oben angeführten Fragen vermieden werden. Danach können Unternehmen alle zukünftigen Aktivitäten innerhalb dieses klar abgesteckten Rahmens setzen.

Als nächstes rate ich im Laufe des Innovationsprozesses zum Ableiten von sogenannten Suchfeldern. Diese sollten in Form von kreativen Fragen wie beispielsweise „Wie könnten wir die Elektromobilität in unserem Unternehmen erhöhen?“ oder „Wie könnten wir unsere Kunden im Reklamationsmanagement begeistern?“ formuliert sein. So können Unternehmen Mitarbeiter gezielt um Hilfe und ihre Ideen bitten.

Und als dritten Schritt empfehle ich die klare Kommunikation der zuvor genannten Punkte. Nur, wenn jeder im Unternehmen weiß, worum es geht und welches große, klare Ziel hinter all den Innovationsbemühungen steht, werden sich die Mitarbeiter auch aktiv beteiligen.

Innovationsmanagement braucht alle Mitarbeitenden und alle Führungskräfte

Wie begeistern Sie selbst im Rahmen Ihrer Beratungen Führungskräfte für das Thema Innovation?

Die Führungskräfte müssen Innovation aktiv und überzeugend vorleben. Solange das nicht der Fall ist, werden die Mitarbeiter nicht an einem innovativen Strang ziehen können. Meine Erstgespräche mit Unternehmen finden daher meist auf Geschäftsführer-Ebene statt. Gleichzeitig klären wir die Frage, wie wir auch das mittlere Management ins Boot holen können. Meine Praxiserfahrung der letzten Zeit zeigt es deutlich: Führungskräfte sind Förderer oder Verhinderer der Innovationsbemühungen!

Nur, wenn alle Führungskräfte im gleichen Maß mitziehen und das Thema Innovation unterstützen, kann erfolgreich innoviert werden. Schließlich sind es die Führungskräfte, die im Laufe des Innovationsprozesses richtungsweisende Entscheidungen treffen, die erforderlichen Ressourcen schaffen und den Mitarbeitern den notwendigen Freiraum geben, um sich dem Innovationsprozess entsprechend widmen zu können.

Dazu kläre ich mit allen Führungskräften im Unternehmen folgende Fragen:

  • Warum ist Innovation wichtig?
  • Warum ist die Unterstützung von der Führungskraft gewünscht?
  • Was kann die Führungskraft beitragen?
  • Was braucht sie dazu eventuell vom Management?

Was sind die aus Ihrer Sicht sieben größten Innovationsbooster in einem Unternehmen?

  1. Führungskräfte, die vom Innovationsprozess überzeugt sind und mit gutem Beispiel voran gehen.
  2. Ein Innovationsteam, das als innovative „Keimzelle“ fungiert und den Innovationsgedanken im Unternehmen verbreitet.
  3. Eine positive Fehlerkultur, die Neugier zulässt und den Mitarbeitern Freiraum zum Ausprobieren gibt.
  4. Innovationscafés: Niederschwellige Kurzworkshops für Mitarbeiter, um Ideen zu entwickeln und das Thema Innovation kennenzulernen.
  5. Das Ausrufen von kreativen Challenges im Unternehmen und das gezielte Sammeln von Ideen der Mitarbeiter.
  6. Kunden, Studenten, Lieferanten und andere Querdenker regelmäßig zu den Innovationscafés einladen und gemeinsam Ideen entwickeln.
  7. Externe professionelle Unterstützung, um sich einen neutralen Blick von außen zu holen.

Frau Prommer, vielen herzlichen Dank für dieses inhaltsstarke Interview und die zahlreichen Tipps und Hinweise, wie Unternehmen dieser Krise – und kommende Herausforderungen – angemessen begegnen können. Wir wünschen Ihnen weiterhin alles Gute und viel Erfolg bei Ihrer Arbeit, die Innovation in den Unternehmen zu fördern!

Das Interview mit Bianca Prommer führte Oliver Foitzik, Herausgeber des Wirtschafts- und Mittelstandsmagazins AGITANO sowie Geschäftsführer der FOMACO GmbH.

 

Über Bianca Prommer

Innovationsexpertin Bianca Prommer von GrowthFact
Bianca Prommer ist Innovationsexpertin und begleitet Unternehmen unter anderem dabei, systematisches Innovationsmanagement erfolgreich zu implementieren. (Bild: © Fotostudio Sissi Furgler)

Bianca Prommer ist Beraterin, Trainerin, Coach und Vortragsrednerin. Sie gilt als führende Expertin zum Thema Innovation. Bianca Prommer hat neben ihrer Tätigkeit als Führungskraft in der Automobilindustrie eine Ausbildung zur Wirtschaftsingenieurin absolviert und danach ein Studium im Bereich „Innovation & Leadership“ abgeschlossen. Als Leiterin eines Fachhochschul-Instituts hat sie drei Jahre lang Start-ups und Gründer auf dem Weg von der Idee zum erfolgreichen Geschäftsmodell begleitet. Heute berät und trainiert sie Unternehmen in Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz als Innovationsermöglicherin und zeigt auf, wie echte und nachhaltige Innovation funktioniert und in den Unternehmen langfristig wirksam implementiert werden kann. In ihren mitreißenden Keynotes bringt sie die zahlreichen Fallstricke im Bereich Innovation humorvoll auf den Punkt und liefert kraftvolle Lösungsimpulse. Mehr erfahren Sie unter www.growth-factory.at.

 

Anmerkung der Redaktion: Weitere Informationen zum globalen Welttag der Kreativität und Innovation (jährlich am 21. April) finden Sie auf der Website der Vereinten Nationen.

Oliver Foitzik

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