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Digital Insights (6): Mit dem klassischen, patriarchischen Führungsstil wird man bei der Digitalisierung nicht weit kommen – Interview mit Matthias Koppe

Frau sitzt vor Laptop und arbeitet als Trader während sich in einer Glascheibe andere Mitarbeiter spiegeln.

Im sechsten Interview von Digital Insights veranschaulicht Matthias Kopp seine Perspektive auf den ganzheitlichen Prozess der Digitalisierung. Für ihn besteht die Grundvoraussetzung für ihren Erfolg in der Flexibilität der Unternehmen je nach Standort – entsprechend auf Kundenbedürfnisse zu reagieren und nicht eine Universalstrategie zu fahren. Das Potential der Digitalisierung liegt in der Chance, veraltete Muster zu durchbrechen – nicht nur, was die Umstellung auf digitalisierte Prozesse betrifft: Es geht auch um eine zeitgemäße Unternehmensführung, die ihren Mitarbeitenden auf Augenhöhe begegnet und neue Freiräume schafft.

Matthias Koppe im Interview: Die Mitarbeiterstruktur muss sich – entsprechend der Internationalisierung der Märkte – sehr verändern, um auf die Anforderungen neuer Märkte besser und schneller eingehen zu können.

Was bedeutet für Sie der Begriff Digitalisierung?

Durch die Digitalisierung werden im ersten Schritt Geschäftsprozesse einfacher und effizienter. In einer späteren Phase verändert das konsequente Anwenden von digitalen Lösungen das Geschäftsmodell. Das geht weit darüber hinaus, Papierformulare durch identische, digitale Dateien zu ersetzen. Vielmehr hat der Einsatz von Software die Prozesse disruptiv verändert. Das kann so weit gehen, dass sich der Fokus auf ein komplett anderes Geschäftsmodell verschiebt.

Digitalisierung ist ein absoluter Game Changer, der Unternehmen viele Möglichkeiten und Chancen bietet. Die Herausforderung besteht darin, diese Potenziale zu heben und sich nicht von den Risiken ins Bockshorn jagen zu lassen.

Wer (Unternehmen oder Person) ist für Sie in Sachen Digitalisierung ein Vorbild und warum?  

Ein für mich vorbildliches Unternehmen in Sachen Digitalisierung steuert Prozesse, Fertigung und Kerngeschäft komplett elektronisch. Ein nicht unerheblicher Anteil des Kerngeschäfts besteht aus digitalen Leistungen, die es ohne den Einsatz von IT nicht geben würde. Im Geschäftsfeld des Einzelhandels setzt Amazon hier eine sehr starke Benchmark.

Die große Stärke von Amazon, die über einen reinen digitalen Versandhandel hinaus geht, ist, dass konsequent alle verfügbar zu machenden Daten über den Kunden erhoben und analysiert werden. Dies dient dazu, den Kunden transparent zu machen, um ihn gezielt mit personalisierter Werbung an das Unternehmen zu binden.

Wie können auch kleine und mittlere Unternehmen von der Digitalisierung profitieren?

Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen können von der Digitalisierung profitieren. Durch den konsequenten Einsatz von Softwarelösungen können sie sehr kostenoptimiert auf dem Markt operieren. Bei einer konsequenten Digitalisierung der Prozesse verkürzen sich die Durchlauf- und Lieferzeiten massiv und man erreicht einen attraktiven Preisvorteil gegenüber der Konkurrenz. Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass sie durch eine Digitalisierung des Vertriebs in der Lage sind, auf einem weltweiten Markt zu operieren. Die Kundenbindung und die Customer Experience kann sich eklatant verbessern.

Auch verändert sich die Personalstruktur massiv. Digital Natives mit einem starken internationalen Background müssen eingestellt werden, um dadurch auch Zugang zu den kulturellen Eigenschaften der jeweiligen Märkte zu erhalten und alte, analoge Denkstrukturen zu durchbrechen. KMU müssen dabei konsequent ihre Vorteile wie flache Hierarchien, großen Entscheidungsspielraum und schnelle Entscheidungswege gegenüber Konzernen ausspielen, die sie für High Potentials zu attraktiven Arbeitgebern machen.

Wenn ein Unternehmen digitalisieren möchte, wo sollte es anfangen?

Zuerst ist es wichtig, dass die Digitalisierung Chefsache ist und das Projekt die volle Unterstützung der Geschäftsführung hat. Basis ist eine vollständige Übersicht über die Hauptgeschäftsprozesse sowie eine detaillierte Analyse der vorhandenen Stammdaten. Im Grunde gibt es unterschiedliche Vorgehensweisen, die sich stark nach der konkreten Situation richten, in der das Unternehmen sich befindet. Empfehlenswert ist es immer, am Anfang mit dem Hauptgeschäftsprozess zu beginnen, bevor man sich mit den unterstützenden Prozessen beschäftigt.

Diese Prozesse müssen akribisch genau analysiert werden – besonders unter dem Gesichtspunkt, jede Tätigkeit zu identifizieren, die man digital abbilden kann. Je einfacher, desto besser. Von selbstgebastelten Softwarelösungen ist dringend abzuraten. Vielmehr sollte man auf bekannte und bewährte Softwarelösungen renommierter Anbieter zurückgreifen. Die Prozesse sollten sich an der Software orientieren. Beispielsweise kann sich ein Maschinenbau-Unternehmen, welches SAP einführt, voll und ganz darauf verlassen, dass 90 Prozent der in SAP beschriebenen Prozesse in ihrem Standard übernommen werden können. Das ERP-System muss zwingend auf den neusten Stand gebracht werden.

Von elementarer Wichtigkeit ist es, die Sicht des Kunden einzunehmen und sich vom reinen Produktdenken zu verabschieden. Die Probleme und Nöte des Kunden sind der Kristallisationspunkt, an dem sich letzten Endes alles ausrichtet, Prozesse ebenso wie die IT-Landschaft.

Wie sieht Ihrer Meinung nach eine globale Digitalisierungsstrategie aus?

Bei einem Unternehmen, das sich auf globalen Märkten bewegt, ist es elementar wichtig, eine harmonisierte IT-Struktur zu haben. Medienbrüche, ein Wirrwarr an ERP-Systemen und -Programmen sind dringend zu beseitigen. Dabei ist darauf zu achten, diese nicht nach Schema F durchzuführen, sondern den einzelnen Standorten und Geschäftsbereichen den Freiraum und die Möglichkeiten einzuräumen, sich an die lokalen Märkte und Kundenanforderungen anzupassen. Die Kunst besteht darin, eine ausgewogene Balance zwischen internationalen Standards und lokalen, individuellen Lösungen zu finden

Von IT-Insellösungen ist jedoch abzuraten. Die unterschiedlichen Standorte müssen über eine kongruente Software verbunden sein, die volle Transparenz ermöglicht. Ein nationales Silodenken und eine „bei uns ist alles anders“-Einstellung ist ein eindeutiger Hemmschuh, mit dem man nicht das volle Potenzial eines globalen Marktes heben kann.

Wie sieht Ihrer Meinung nach eine unternehmerische, betriebswirtschaftlich tragfähige Digitalisierungsstrategie aus? An was müssen Unternehmen unbedingt denken?

Eine digitale Transformation ist ein strategisches Projekt, das sich über mehrere Jahre hinziehen kann. Wichtig hierfür ist eine Vision, eine konkrete Vorstellung davon, wo sich das Unternehmen in einigen Jahren befinden soll. Wie soll das digitale Geschäftsmodell in der Zukunft aussehen? Anhand dieses Ziels brechen sich die einzelnen Aktivitäten herunter. Hier ist ein ganzheitlicher Ansatz gefragt.

Alles muss unbedingt aus der Perspektive des Kunden betrachtet werden. Es ist ein Irrweg der Vergangenheit, den Markt zu sehr vom eigenen Produkt aus zu betrachten. Hatte man nicht den erdachten Erfolg, dann hat der Kunde es nicht verstanden. Das ist die falsche Herangehensweise. Dem Kunden ist vielmehr eine durchgängige Lösung anzubieten. Kundenbindung, Customer Experience – alle Berührungspunkte mit dem Kunden müssen konsequent bedient werden.

Das heißt auch, dass der digitale Fluss an Informationen durch den gesamten Geschäftsprozess ohne Systembrüche fließen muss. Auch dürfen potenzielle Engstellen, wie zum Beispiel eine leistungsfähige Internetanbindung, nicht außer Acht gelassen werden. An einer hoch performanten IT-Struktur darf nicht gespart werden.

Wie sollten Unternehmen ihre Verantwortung definieren, wenn Maschinen und Menschen in ihren Arbeitsprozessen immer mehr verschmelzen?

Für Unternehmen, die sich Digitalisierung auf die Fahne geschrieben haben, ist ein moderner Führungsstil auf gleicher Augenhöhe unabdinglich. Mit dem klassischen, patriarchischen Führungsstil wird man hier nicht weit kommen. Die Digitalisierung bietet ein enormes Potenzial an Wachstum.  Aufgabe ist es, den Mitarbeitern zu vermitteln, dass dieses Potenzial dazu genutzt werden soll, weiter zu wachsen und nicht Arbeitsplätze abzubauen. Wichtig ist, der Belegschaft zu vermitteln, dass die Digitalisierung eine große Chance ist, das Unternehmen zu stärken und zukunftsfähig zu machen. Wachstum und sichere Arbeitsplätze sind die Folge.

Welche Rolle sollte der Staat / die Politik bei der Digitalisierung übernehmen?

Dem Staat fällt die Aufgabe zu, die Rahmenbedingungen für eine digitale Zukunft zu schaffen. Hoch leistungsfähige Datennetze müssen bereitgestellt, Funklöcher ausnahmslos geschlossen werden. Hierfür ist der Zugang zu Infrastrukturfördermitteln deutlich zu erleichtern und zu entbürokratisieren. Für einen effizienten Datenschutz ist Augenmaß notwendig, um zum einen Wachstum nicht zu gefährden, aber auch einen rechtlichen Rahmen zu schaffen, in dem private Daten sicher sind.

Durch die Schaffung von Randbedingungen ist zu gewährleisten, dass der Wirtschaft genügend Personal zur Verfügung steht. Ausreichend Studienplätze müssen bereitgestellt und internationalen Fachkräften die Möglichkeit geboten werden, sich an dieser Aufgabe zu beteiligen. Diese zukünftigen Arbeitnehmer sind der Schlüssel zu einem nachhaltigen und prospektiven wirtschaftlichen Erfolg.

Wie können die Menschen / die Verbraucher von der Digitalisierung profitieren?

Für den Konsumenten bedeutet es, dass er durch die Digitalisierung schon jetzt auf ein viel größeres Warenangebot zurückgreifen kann. Lieferzeiten werden sich zukünftig noch weiter verkürzen. Maßgefertigte Produkte werden mehr und mehr zu attraktiven Preisen verfügbar sein.

Besonders in den Bereichen der qualitativen Produktentwicklung sowie in den Entwicklungszyklen ist die Digitalisierung ein enormer Beschleuniger. Es können in Zukunft Produkte entwickelt werden, von denen man heute noch nicht einmal zu träumen wagt. Das kann positive wie auch negative Auswirkungen haben. Zu schnelle Entwicklungszyklen können den Verbraucher auch überfordern.

Wie sehen Sie die digitale Welt in zehn Jahren? Ihre Zukunftsvision!

Durch die Digitalisierung wird sich vieles verändern. Es werden sich neue Märkte erschließen, die es vorher in dieser Form nicht gegeben hat. Auch werden sich in den Firmen, die sich konsequent dieser Aufgabe stellen, Qualität, Kostenstruktur, Durchlaufzeiten und Kundenbindung derart verbessern, dass sie einen massiven Wettbewerbsvorteil bieten.

Die Mitarbeiterstruktur ist – entsprechend der Internationalisierung der Märkte – ebenfalls anzupassen, um auf die Anforderungen neuer Märkte besser und schneller eingehen zu können. Teams und Belegschaften werden sich zunehmend kulturell durchmischen. Diese Prozesse sind unverzichtbar, wenn auch kleinere Unternehmen zu globalen Playern werden sollen.

Das Interview mit Matthias Koppe führte Oliver Foitzik, Herausgeber des Wirtschafts- und Mittelstandsmagazins AGITANO sowie Geschäftsführer der FOMACO GmbH.

Anmerkung der Redaktion: Lesen Sie auch die weiteren Teile der Interviewreihe Digital Insights.

Teil (1): Digitalisierung fängt da an, wo die Schmerzpunkte im Unternehmen am größten sind – Interview mit Bettina Vier

Teil (2): Basis für die Digitalisierung ist eine hohe Transparenz und gute Qualität von Daten – Interview mit Eberhard Müller

Teil (3): Es braucht eine vermittelbare Zukunftsstrategie, die zusammen mit Unternehmen und Individuen umgesetzt wird – Interview mit Elmar R. Gorich

Teil (4): Digitalisierung ist als ganzheitlicher Prozess zu verstehen und muss den Menschen mitdenken – Interview mit Ludger Wiedemeier

Teil (5): Unzureichende IT-Sicherheit kann in Zukunft für viele Unternehmen existenzbedrohend sein – Interview mit Mathias Hess

Teil (7): Die Positionierung am Markt ist letztlich immer der wichtigste Faktor und am besten durch Produkt- und Prozessinnovationen zu beeinflussen – Interview mit Uwe Seidel

Über Matthias Koppe

Matthias Koppe, Interim Manager, Unternehmensberater, Maschinenschlosser und Diplomingenieur
Als Interim Manger und Unternehmensberater begleitet Matthias Koppe mittelständische Unternehmen und internationale Konzerne mit seinem ganzheitlichen Wissen – und einem Blick, der alle Beteiligten und alle Prozesse erfasst. (Bild: © Matthias Koppe/BestPractice Verlag)

Matthias Koppe ist gelernter Maschinenschlosser und Dipl.-Ingenieur im Maschinenbau mit den fachlichen Schwerpunkten Logistik, Fertigung und Konstruktion. Als Interim Manager und Unternehmensberater begleitet er mittelständische Unternehmen und internationale Konzerne. Seine anspruchsvollen Auftraggeber kommen in der Regel aus dem Maschinenbau, der industriellen Fertigung, der Automobilindustrie, der Energiewirtschaft sowie den Bereichen Luftfahrt, Transport und Logistik. Nach weit mehr als einem Jahrzehnt Erfahrung in der IT, dem Qualitäts-, Lieferanten- und Projektmanagement sowie Leitungsfunktionen in der Konstruktion, der Fertigungssteuerung sowie in IT- und Management-Projekten übernimmt er heute vorzugsweise Mandate auf C-Level – vor allem in der Geschäftsführung mittelständischer Unternehmen oder in Konzernstrukturen. Matthias Koppe ist ein ganzheitlicher Stratege, der komplexe technologische Prozesse genauso optimiert und gestaltet wie menschliche Leistungspotenziale und Bedürfnisse. Diese Kombination und sein tiefes Wissen machen Matthias Koppe sowohl zu einem erfolgreichen Restrukturierer und Optimierer als auch zum wertschöpfenden, generationenübergreifenden Kulturwandler, der alle Beteiligten und alle Prozesse im Blick hat.

Oliver Foitzik

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