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Digital Insights (5): Unzureichende IT-Sicherheit kann in Zukunft für viele Unternehmen existenzbedrohend sein – Interview mit Mathias Hess

IT-Experte steht vor einer großen Fensterfront mit Blick über eine Stadt, auf der verschiedene Codeelemente zu sehen sind.

Im fünften Teil der Digital Insights-Reihe gibt Mathias Hess Antworten auf Fragen nach der zukünftigen Entwicklung und Bedeutung von Digitalisierungsstrategien. Begreift man Digitalisierung als einen hochkomplexen Prozess, sind die konkreten Folgen vom aktuellen Stand aus nur schwer absehbar. Deshalb setzt der Experte – anstatt auf hoch abgesicherte Strategien – auf eine zeitnahe Umstellung und die Einbindung externer Geschäftspartner. In den Bereichen IT-Sicherheit und Datenschutz sollte höchste Sicherheit bereits von Beginn an oberste Priorität sein, um so das eigene Unternehmen zu schützen.

Mathias Hess im Interview: Die Strategie zur Digitalisierung innerhalb eines Unternehmens endet nicht am Werkstor.

Was bedeutet für Sie der Begriff Digitalisierung?

Grundsätzlich würde ich zwischen den Begriffen Digitalisierung und digitaler Transformation unterscheiden. Digitalisierung bedeutet, ein bisher analoges Produkt, zum Beispiel einen Geschäftsbrief, nicht mehr auszudrucken und per Briefpost zu verschicken, sondern den Geschäftsbrief als E-Mail zu verschicken.

Digitale Transformation hingegen geht viel weiter, indem sie die Inhalte (Daten) eines Dokuments völlig automatisiert zwischen ERP-Systemen austauscht. Unabhängig davon spielt die Vernetzung der einzelnen Geräte eine wichtige Rolle. Gesellschaftlich bedeutet es für mich die „Erlösung“ des Menschen von stupider, wenig Sinn stiftender Arbeit und eine völlig neue Art der Zusammenarbeit, weg von hierarchischen Strukturen, hin zu agilen, projektbezogenen Arbeitsgruppen (New Work).

Wer (Unternehmen oder Person) ist für Sie in Sachen Digitalisierung ein Vorbild und warum?

In Deutschland ist sicherlich die Otto Group eines der immer noch wenigen Großunternehmen, welches sehr konsequent und frühzeitig die technologischen Möglichkeiten genutzt und neue Arten der Zusammenarbeit erfolgreich eingeführt hat. Global ist aus meiner Sicht Amazon in Bezug auf eine absolut konsequente Kundenorientierung das Maß aller Dinge.

Wie können auch kleine und mittlere Unternehmen von der Digitalisierung profitieren?

Unternehmensgröße spielt eine immer geringere Rolle. Technologien, die früher nur Großunternehmen vorbehalten waren, sind heute zu erschwinglichen Preisen auch für kleine und mittlere Unternehmer verfügbar. Darüber hinaus können diese Unternehmen jetzt viel leichter global agieren und damit unter anderem ihre Kundenanzahl deutlich vergrößern.

Wenn ein Unternehmen digitalisieren möchte, wo sollte es anfangen?

Zunächst gilt es, eine Digitalisierungsstrategie zu entwickeln. Hierbei sollte man aber nicht den Fehler machen, monatelang eine 120-prozentige, mit allen abgestimmte Strategie zu entwerfen, sondern eher pragmatisch eine 1.0-Version erstellen, um keine Zeit zu verlieren.

Parallel dazu sollten alle bereits laufenden Digitalisierungsmaßnahmen transparent gemacht und in einem übergreifenden Programm gebündelt werden, welches durch ein strukturiertes Change Management begleitet wird, um die anstehenden Veränderungen erfolgreich und dauerhaft in den Alltag der Mitarbeiter zu integrieren und Widerstände möglichst zu vermeiden. Wichtig ist zu Beginn sicherlich auch, dass man schnelle Erfolge erzielt, sodass die Mitarbeiter früh erkennen, welches Potential in dem Thema steckt.

Dabei sollte man allerdings das Thema IT Security nicht aus den Augen verlieren. Ganz im Gegenteil: Viele Unternehmer gehen damit schon heute viel zu sorglos um. Bei einer immer stärkeren Vernetzung steigt auch das Risiko für Angriffe erheblich. Da dürfen keine Kompromisse oder unsichere Interimslösungen zum Einsatz kommen.

Wie sieht Ihrer Meinung nach eine globale Digitalisierungsstrategie aus?

Die Digitalisierungsstrategie sollte im Einklang mit der Unternehmensstrategie sein beziehungsweise ein Teil davon werden. In den meisten Branchen werden beide miteinander verschmelzen.

Die Frage nach dem Business-Modell (Verkauf von Services anstatt von Produkten, vermieten anstatt verkaufen et cetera) ist hier sicherlich der ganz entscheidende Punkt und muss zu Beginn geklärt werden, weil darauf viele andere Maßnahmen aufbauen. Ein weiterer wesentlicher Teil der Strategie sollte daraus bestehen, dass das Unternehmen den Kunden (jetzt tatsächlich) in den Mittelpunkt jeglicher Aktivitäten stellt. Das beinhaltet sämtliche Funktionen im Unternehmen, die sowohl technologisch, prozessual als auch organisatorisch verändert werden müssen. Hier ist auch viel Mut gefragt! Mit ein bisschen Cloud hier und etwas mehr Automatisierung dort wird man sein Unternehmen sicherlich nicht fit für die Zukunft machen. Es bedarf mutiger Konzepte und Änderungen, die dem großen Potential des Themas gerecht werden.

Ein weiterer Aspekt ist auch, dass die Digitalisierung nicht am „Werkstor“ endet. Die Strategie sollte unbedingt externe Partner und Kunden miteinschließen, die bei der Umsetzung eingebunden werden. Inwiefern man in Start-ups investiert und wie man die Zusammenarbeit mit diesen plant, sollte ebenfalls berücksichtigt werden. Will man die Start-ups ins Unternehmen integrieren oder möchte man diese eher unabhängig und flexibel belassen? Das ist eine der zahlreichen, entscheidenden Fragen, die eine Digitalisierungsstrategie zu beantworten hat.

Wie sieht Ihrer Meinung nach eine unternehmerische, betriebswirtschaftlich tragfähige Digitalisierungsstrategie aus? An was müssen Unternehmen unbedingt denken?

Aufgrund der Komplexität kann man die Folgen der Digitalisierung heute noch gar nicht genau vorhersehen. Wegen der enormen Veränderungen, die damit einhergehen, muss man sich aus meiner Sicht ein Stück von den klassischen ROI-(Return-on-Investment-)Modellen verabschieden. Auch die betriebswirtschaftliche Sicht auf die Strategie muss relativiert werden. Heute ist noch nicht absehbar, was zum Beispiel ein Wechsel des Business-Modells für Folgen haben wird. Wahrscheinlich ist nur, dass das Festhalten an alten Strukturen die Existenz der meisten Firmen gefährden wird.

Bei der Geschwindigkeit und dem Umfang der Veränderungen sollten Unternehmen unbedingt bedenken, die Mitarbeiter auf diesem neuen Weg mitzunehmen. Sowohl eine ganzheitliche Kommunikationsstrategie und Umsetzung als auch die frühestmögliche, umfassende Einbindung der Kollegen muss also sichergestellt sein. Darüber hinaus müssen von Beginn an die Themen IT Security, Datenschutz und auch Lizenzkosten berücksichtigt werden. Die Gefahr, die aus unzureichender IT-Sicherheit entsteht, kann in Zukunft für viele Unternehmen existenzbedrohend sein – beziehungsweise ist es bereits heute, auch wenn viele Unternehmen das noch nicht realisiert haben. Hier muss erheblich investiert werden, um die Risiken einzugrenzen. Auch Themen, die den Datenschutz betreffen, sollten gleich zu Beginn mit eingebunden werden, um von Anfang an den strengen Regeln (DSGVO) der Europäischen Union gerecht zu werden.

Sehr unbeliebt, aber in Zukunft mit noch mehr finanziellen Risiken behaftet, ist das Thema der Software-Lizenzkosten, insbesondere das der sogenannten „indirekten Nutzung“. Wenn man also plant, hunderte oder gar tausende von Geräten mit seinem ERP-System zu vernetzen, fallen hier bei einigen Herstellern extra Lizenzkosten an. Selbst wenn diese je Datensatz nur wenige Cent kosten, kann das bei der Menge an Daten leicht sechs- oder gar sieben-stellige Summen verursachen.

Wie sollten Unternehmen ihre Verantwortung definieren, wenn Maschinen und Menschen in ihren Arbeitsprozessen immer mehr verschmelzen?

Arbeitssicherheit muss immer noch höchste Priorität genießen, da dürfen auch im Rahmen der Digitalisierung keine Kompromisse gemacht werden! Allerdings werden viele Prozesse in Zukunft voraussichtlich völlig ohne Mitarbeiter ablaufen. Es stellt sich viel mehr die Frage, ob Menschen letztendlich immer noch die Möglichkeit haben sollen, eingreifen zu können. Auch wenn das heute viele als unbedingt notwendig ansehen, glaube ich, dass es in einer extrem vernetzten Umgebung, die Menschen überhaupt nicht mehr vollständig überblicken können, schwierig wird.

Welche Rolle sollte der Staat / die Politik bei der Digitalisierung übernehmen?

Die Politik muss einen Rahmen vorgeben, in dem für alle gültige Regeln, zum Beispiel für Verbraucherschutz und Arbeitsgesetze, festgelegt sind – und das möglichst auf globaler beziehungsweise EU-Ebene.
Eine besondere Bedeutung haben hier sicherlich ethische Fragen, die der Staat unter Einbeziehung der Gesellschaft (Kirchen, Gewerkschaften, et cetera) grundsätzlich beantworten muss. Steht beispielsweise der Schutz der Insassen eines Fahrzeugs über dem der anderen Verkehrsteilnehmer? Darüber hinaus sollte der Staat natürlich selbst von den Vorteilen der Digitalisierung Gebrauch machen und viele Prozesse et cetera digitalisieren und sie so für den Bürger vereinfachen.

Wie können die Menschen / die Verbraucher von der Digitalisierung profitieren?

Deutliche Verbesserungen sind unter anderem im Gesundheitswesen zu erwarten. Krankheiten können einerseits viel früher erkannt werden, andererseits werden durch Big Data-Analysen die Ursachen für Krankheiten klarer und damit die Behandlungs- beziehungsweise Vorsorgemaßnahmen deutlich effektiver werden.

Weiterbildung ist ein weiteres Feld, in dem wir Menschen in großem Umfang von der Digitalisierung profitieren können. So hat heute ein einziger digitaler Studiengang der Harvard-Universität mehr Teilnehmer als alle bisherigen Studiengänge dieser Universität seit ihrer Gründung im Jahr 1636!

Insbesondere Menschen aus Entwicklungsländern werden immer mehr von digitalen Zahlungsmethoden profitieren. Die annähernd kostenfreie, digitale Abwicklung von Kauf-Transaktionen im Cent-Bereich bietet vielen Menschen die Grundlage für ihre Selbstständigkeit und damit für ihre Existenz.

Wie sehen Sie die digitale Welt in zehn Jahren? Ihre Zukunftsvision!

Die heute klassischen Unternehmensstrukturen (funktionale Trennung zum Beispiel von Einkauf, Vertrieb, Marketing) wird es in zehn Jahren vielfach nicht mehr geben. Die Art, wie wir zusammenarbeiten, wird sich stetig verändern. Mitarbeiter arbeiten dann überwiegend cross-funktional in projektbezogenen Teams. Der Anteil der „Externen“ wird deutlich größer sein als heute. Fast jeder Mitarbeiter wird für seinen Bereich ein IT-Experte, wiederkehrende Arbeitsschritte weitestgehend automatisiert sein und so große Teile der heutigen Verwaltungen überflüssig machen. Aufgaben, die Führungskräfte heute in der hierarchischen Organisation wahrnehmen (Command and Control), werden in Zukunft so nicht mehr ausführbar beziehungsweise notwendig sein. Führung wird weiterhin gebraucht, da bin ich sicher. Ob dazu aber dedizierte Führungskräfte notwendig sein werden, die schon heute ihrer „Führungsverantwortung“ oft nicht nachkommen, wage ich zu bezweifeln.

Das Interview mit Mathias Hess führte Oliver Foitzik, Herausgeber des Wirtschafts- und Mittelstandsmagazins AGITANO sowie Geschäftsführer der FOMACO GmbH.

Anmerkung der Redaktion: Lesen Sie auch die weiteren Teile der Interviewreihe Digital Insights.

Teil (1): Digitalisierung fängt da an, wo die Schmerzpunkte im Unternehmen am größten sind – Interview mit Bettina Vier

Teil (2): Basis für die Digitalisierung ist eine hohe Transparenz und gute Qualität von Daten – Interview mit Eberhard Müller

Teil (3): Es braucht eine vermittelbare Zukunftsstrategie, die zusammen mit Unternehmen und Individuen umgesetzt wird – Interview mit Elmar R. Gorich

Teil (4): Digital Insights (4): Digitalisierung ist als ganzheitlicher Prozess zu verstehen und muss den Menschen mitdenken – Interview mit Ludger Wiedemeier

Teil (6): Mit dem klassischen, patriarchischen Führungsstil wird man bei der Digitalisierung nicht weit kommen – Interview mit Matthias Koppe

Teil (7): Die Positionierung am Markt ist letztlich immer der wichtigste Faktor und am besten durch Produkt- und Prozessinnovationen zu beeinflussen – Interview mit Uwe Seidel

Über Mathias Hess

Interim Manager, Vortragsredner, CIO- und IT-Leiter und Mathias Hess
Mathias Hess verfügt über umfangreiche Erfahrungen im Projektmanagement und ist heute als Interim Manager und professioneller Vortragsredner tätig. (Bild: © Mathias Hess/BestPractice Verlag)

Seit rund einem Vierteljahrhundert ist Mathias Hess in der digitalen Welt unterwegs – in nationalen mittelständischen Unternehmen und in internationalen Großkonzernen, als CIO und IT-Leiter sowie in verantwortlichen Management-Positionen bei IT-Service-Providern. Er kennt alles, was das moderne IT-Umfeld beim Thema Digitalisierung als Chancen, aber auch an Risiken, zu bieten hat. Er verfügt über umfangreiche Erfahrungen im Projektmanagement, sowohl mit der Einführung neuer Anwendungen und Prozesse (ITIL) als auch in der Umsetzung von Outsourcing-Projekten und komplexen Offshore-Leistungen. Im Rahmen seiner Tätigkeit trägt er oft auch Verantwortung für das Change-Management, was immer mehr zum entscheidenden Erfolgsfaktor in vielen Projekten wird. Mathias Hess ist begeisterter Chancen-Nutzer und Digitalisierungsoptimist. Die IT sieht er zukünftig immer weniger als Kostenoptimierer, sondern vielmehr als treibenden „Business Enabler“. Mathias Hess ist Interim Manager und professioneller Vortragsredner. Seine Themen sind Innovation, Führung, Agilität und Change-Management.

Oliver Foitzik

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