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Digital Insights (2): Basis für die Digitalisierung ist eine hohe Transparenz und gute Qualität von Daten – Interview mit Eberhard Müller

Weltweites Netzwerk globaler Kommunikation.

Im zweiten Teil unserer Interviewreihe „Digital Insights“ gewährt Eberhard Müller tiefgehende Einblicke in die praktischen Arbeitsprozesse hinter der Zukunftsvision einer globalen Digitalisierung. Er nimmt dabei Bezug auf die Rolle gesamtgesellschaftlicher Veränderungen und zeigt die Vor- und Nachteile einer zunehmend auf Datentransparenz und -kommunikation basierende Technologisierung auf. Im Vordergrund stehen für ihn Werte wie Kommunikation, Lernfähigkeit und Flexibilität.

Eberhard Müller im Interview: Vereinfachung und Optimierung von Prozessen ist die Voraussetzung zur Digitalisierung.

Was bedeutet für Sie der Begriff Digitalisierung?

Digitalisierung wird unser Leben innerhalb der nächsten Jahre radikal verändern. Kommunikation, Daten, KI, leistungsfähige Smartphones, digitale Plattformen sind einige Stichworte, welche die turbulente Umgebung um uns beschreiben. Digitalisierung bedeutet Virtualisierung von Unternehmen, Prozessen, Produkten und Dienstleistungen, sodass alle Daten den Beteiligten ortsunabhängig jederzeit zur Verfügung stehen. Intelligente, lernfähige Algorithmen interpretieren Daten und leiten Handlungen ab, ohne dass es menschlicher Eingriffe bedarf. Bei komplexen Entscheidungen werden dem Menschen bewertete Handlungsalternativen vorgelegt und gegebenen falls iterativ die Lösung erarbeitet. Dadurch werden wiederum die Anforderungen an die Beschäftigung steigen – im Sinne höherer Qualifikation und flexibler Arbeit.

Digitalisierung ist eine Herausforderung für die Gesellschaft, weil sich viele alte Verhaltensmuster schnell ändern. Permanentes Lernen und flexibles Verhalten sind der Schlüssel. Über Daten und intelligente Analysen lassen sich neue, digitale Geschäftsmodelle kundengerecht über statistische bzw. KI-Verfahren erkennen und erfolgreich umsetzen. Neue Wettbewerber mit disruptiven, digitalen Geschäftsmodellen werden zur Gefahr für etablierte Marktteilnehmer.

Wer (Unternehmen oder Person) ist für Sie in Sachen Digitalisierung ein Vorbild und warum?

In puncto Logistik ist Amazon ein Vorreiter. Alle Prozesse sind digital, real-time mit Prognose verfügbar. Das Verhalten von Kunden wird systematisch analysiert und für das Geschäft genutzt. In der Automobilindustrie sind Google und TESLA zu nennen. Das Auto wird zum fahrenden Rechner bzw. Roboter. Es fährt emotionslos und fakten-/sensorbasiert. Daher reagiert es in vielen Situationen schneller und sicherer als der Mensch. In der Windindustrie hat VESTAS die Nase vorn. Die digitalen Modelle der Anlagen sind so gut, dass aus Windverhältnissen Stromertragszusagen gemacht werden können. Über langjährige Wartungsverträge mit Bonus/Malus profitiert VESTAS von der hohen Zuverlässigkeit und Performance der Anlagen auch noch nach Auslieferung.

Wie können auch kleine und mittlere Unternehmen von der Digitalisierung profitieren?

Indem sie bewährte Standardlösungen aus den von größeren Firmen entwickelten Baukästen für sich nutzen und Best Practices implementieren, auch wenn kein langfristiges Gesamtkonzept vorliegt. Alles, was wirtschaftlich ist beziehungsweise neue Produkt- oder Dienstleistungs-Portfolios eröffnet, sollte angegangen werden. Cloud-basierte Plattformen stehen für unterschiedliche Applikationen zur Verfügung. Oft sind Geschäftspartner schon auf der Plattform vertreten, sodass Prozess-Synergien, Transparenz über Transporte und die damit verbundenen Kosten zur gegenseitigen Performance-Steigerung relativ schnell genutzt werden können. Das Gleiche gilt für Einkaufsplattformen.

Was das Geschäftsmodell angeht, so ist ein Check der disruptiven Ansätze von möglichen Wettbewerbern, die vollumfängliche Nutzung der Digitalisierung und das Abwerfen von Altlasten ein „Muss“. Gute Daten über das Verhalten der Kunden deren Analyse sind hier von Vorteil.

Wenn ein Unternehmen digitalisieren möchte, wo sollte es anfangen?

Als erstes gilt die Regel: zuerst vereinfachen – dann automatisieren. Die CIM-Welle in den 80ern und 90ern hat gezeigt, dass „Lean Production“ mit wenig Automatisierung effizienter, schneller und kostengünstiger ist. Daher sollte bei der Digitalisierung zuerst ein „Production/Management Excellence“-System auf Basis von „Lean x“ eingeführt werden. Ganz entscheidend dabei ist die strukturierte und schnelle Kommunikation als getaktetes Netzwerk. So werden Probleme und Lösungen früher transparent und weniger teuer, weil die Korrektur in einem frühen Stadium erfolgt.

Basis für die Digitalisierung ist eine hohe Transparenz und gute Qualität von Daten, zum Beispiel zum Kundenverhalten, aber ebenso Stammdaten, kundenauftragsspezifische Daten sowie Kostendaten. Sämtliches Wissen über Kunden ist Gold wert, um ihnen mit passenden Produkten/Dienstleistungen Vorteile zu generieren – auch mit neuen Wertschöpfungspartnern.

Viele Unternehmen arbeiten mit Cloud-basierten CRM-Systemen, um zeitgleich und global das Wissen über die Kunden intern zu teilen. Daraus lassen sich Ziele für sämtliche Abteilungen ableiten, die wiederum einen wichtigen Input für die Unternehmensstrategie darstellen. Darüber hinaus ist die Einführung eines einheitlichen ERP-Systems mit Stammdatenmanagement überlebensnotwendig. Für die Bereiche Einkauf und Logistik ist die Nutzung von Cloud-basierten Plattformen zu empfehlen.

Wie sieht Ihrer Meinung nach eine globale Digitalisierungsstrategie aus?

Eine globale Digitalisierungsstrategie ist fest verknüpft mit dem Geschäftsmodell und umfasst die Perspektive globaler Kunden mit ihren Beteiligungsgesellschaften, die eigene Positionierung am Markt und die Betrachtung der Marktbegleiter und Start-ups mit disruptiven Geschäftsmodellen. Wichtig ist auch die „Customer Journey“, bei der sich alle Beteiligten in die Kundenrolle versetzen und alles aus Kundensicht betrachten. Zusätzlicher Kundennutzen durch Lösungen mit Vorteilen für den Kunden des Kunden kann zu höheren Margen und Kundenbindung führen.

Wie sieht Ihrer Meinung nach eine unternehmerische, betriebswirtschaftlich tragfähige Digitalisierungsstrategie aus? An was müssen Unternehmen unbedingt denken?

Für eine betriebswirtschaftlich tragfähige Digitalisierungsstrategie müssen zunächst einige zentrale Leitfragen beantwortet werden: Wie kann durch Digitalisierung der Kundennutzen und die Kundenzufriedenheit weiter gesteigert werden? Wie kann ich mich als „Total Customer Solution“-Lieferant – oder noch besser – als „System Look-In“-Lieferant weiterentwickeln und positionieren?

Die Antworten führen zu einer Vision und zu Strategien mit KPIs und Maßnahmenpaketen für die Digitalisierung. Es entsteht ein Transformationsprojekt mit Maßnahmen und Aktivitäten, die mit finanziellen und Umweltzielen verbunden sind. Ein PMO, das direkt der GF unterstellt ist, treibt das Projekt voran. Der Fortschritt ist in den Finanzzahlen sichtbar und kann gezielt mit Forecasts gemanagt werden. Alle Funktionen und Ländergesellschaften sind in Form eines „Collaborative Managements“ einzubinden und auf die Umsetzung des gemeinsamen Projektes zu verpflichten. Dabei sind Datensicherheit und Datenschutz kritische Erfolgsfaktoren.

Wie sollten Unternehmen ihre Verantwortung definieren, wenn Maschinen und Menschen in ihren Arbeitsprozessen immer mehr verschmelzen?

Unternehmen sind verpflichtet, auf die Gesundheit der Mitarbeiter zu achten. So wird es anerkannte Ruhezeiten geben müssen, denn durch moderne IT können Mitarbeiter ortsunabhängig rund um die Uhr arbeiten. Darüber hinaus können Unternehmen keine lebenslänglichen Beschäftigungsgarantien mehr abgeben. Ihre Verantwortung konzentriert sich auf die kontinuierliche Weiterbildung und damit die Sicherstellung der Beschäftigungsfähigkeit – auch bei anderen Unternehmen. Eine weitere Verantwortung ist der Umweltschutz – hinsichtlich der angebotenen Produkte und Services, des eigenen Produktionsprozesses und dem der Wertschöpfungspartner. Das wird zunehmend zum Erfolgsfaktor im Wettbewerb und entscheidet über die Attraktivität als Arbeitgeber.

Welche Rolle sollte der Staat / die Politik bei der Digitalisierung übernehmen?

Sie sollten dafür sorgen, dass der Mentalitätswechsel frühzeitig bei den Menschen ankommt und verinnerlicht wird. Sozialsicherungssysteme müssen reformiert und angepasst werden. Eine gute schulische Ausbildung ist ein „Muss“ und für eine qualifizierte berufliche Ausbildung notwendig. Berufliche Veränderung darf nicht bestraft werden: Die Menschen sollten steuerfrei Rücklagen für Neuorientierung oder Zusatzqualifikationen bilden können, um beschäftigt zu bleiben.

Staat und Politik sollten Innovationen gegenüber aufgeschlossener sein, den Rechtsrahmen, unter anderem für Datensicherheit und Datenschutz, schneller bereitstellen sowie die Digitalisierung zum Wohle der Bürger auch selbst nutzen. Eine Grundvoraussetzung zur flächendeckenden Umsetzung der Digitalisierung und des Umweltschutzes ist das Vorhandensein entsprechender Infrastrukturen, das heißt ein 5G-Netz überall, leistungsfähigere Stromübertragungsnetze, E-Mobilität, Strom aus regenerativen Energien wie Wasserkraft, Wind, Solar und Biokraftwerken.

Wie können die Menschen / die Verbraucher von der Digitalisierung profitieren?

Durch die Digitalisierung können Menschen ihren Wertschöpfungsbeitrag für Unternehmen ortsunabhängig und zeitlich flexibel erbringen. Das eröffnet viele Freiheitsgrade zur persönlichen Work-Life-Balance. Computer und KI-Methoden werden den Menschen bei Entscheidungssituationen unterstützen und von Routine-Tätigkeiten sowie von schwerer körperlicher Arbeit oder Konzentrationsarbeiten entlasten, sodass er sich auf Controlling, kreative und innovative Aufgaben konzentrieren kann. Durch Telematiksysteme und Roboter können Arbeiten in gefährlicher Umgebung ausgeführt und andere technische Systeme überwacht werden, was zu Effizienzgewinnen führt.

Vorteile gibt es auch im privaten Umfeld: Rasen- und Saugroboter sind erst der Anfang. Schon jetzt können Roboter Getränke holen, Literatur oder Zeitungen vorlesen. Auch das häusliche Umfeld für Pflegebedürftige wird sich den Robotern erschließen. Über Spracherkennung können Assistenten viele Dinge erledigen. Stichwort: Smart-Home. Mithilfe von Virtual Reality kann die Wohnung weiter digitalisiert werden. Das Einkaufen in Webshops mit Anlieferung zuhause wird weiter wachsen. Grundvoraussetzung für den Nutzen der Digitalisierung für die Menschen ist deren Bereitschaft, sich mit den neuen Technologien zu beschäftigen.

Wie sehen Sie die digitale Welt in zehn Jahren? Ihre Zukunftsvision!

Die Unternehmen sind streng kundenfokussiert im Sinne von „Added Value“. Wertschöpfungspartner sind über Plattformen verbunden und die Grundprozesse laufen vollautomatisch über ERP-Standardprozesse und Cloud-basierte Plattformen. Die Unternehmen sind virtualisiert, Besprechungen finden zum großen Teil virtuell statt. Die Organisation ist agil (Scrum-Projekte) und die Menschen arbeiten vernetzt in Teams. Dabei spricht jeder Business Englisch und beherrscht die IT-Tools und -Systeme. Der Anteil der hochqualifizierten Beschäftigten ist deutlich höher. Für gering Qualifizierte gibt es zunehmend weniger Arbeit, da Roboter manche Arbeiten übernehmen und/oder die Effizienz durch Assistenz deutlich erhöhen, sodass es in diesen Bereichen weniger Personal bedarf. Die Arbeitszeiten werden flexibler und Teams bekommen mehr Eigenverantwortung.

Die Produktion ist hoch automatisiert und wird zum großen Teil über KI-basierte Systeme flexibel gesteuert. Firmeninterne 5G-Netze ermöglichen das Internet der Dinge und schnelle Datenleitungen übertragen die Daten zu den Kunden und Wertschöpfungspartnern.

Das Interview mit Eberhard Müller führte Oliver Foitzik, Herausgeber des Wirtschafts- und Mittelstandsmagazins AGITANO sowie Geschäftsführer der FOMACO GmbH.

Anmerkung der Redaktion: Lesen Sie auch die weiteren Teile der Interviewreihe Digital Insights.

Teil (1): Digitalisierung fängt da an, wo die Schmerzpunkte im Unternehmen am größten sind – Interview mit Bettina Vier

Teil (3): Es braucht eine vermittelbare Zukunftsstrategie, die zusammen mit Unternehmen und Individuen umgesetzt wird – Interview mit Elmar R. Gorich

Teil (4): Digitalisierung ist als ganzheitlicher Prozess zu verstehen und muss den Menschen mitdenken – Interview mit Ludger Wiedemeier

Teil (5): Unzureichende IT-Sicherheit kann in Zukunft für viele Unternehmen existenzbedrohend sein – Interview mit Mathias Hess

Teil (6): Mit dem klassischen, patriarchischen Führungsstil wird man bei der Digitalisierung nicht weit kommen – Interview mit Matthias Koppe

Teil (7): Die Positionierung am Markt ist letztlich immer der wichtigste Faktor und am besten durch Produkt- und Prozessinnovationen zu beeinflussen – Interview mit Uwe Seidel

Über Dr.-Ing. Eberhard Müller

Executive Interim Manager Dr.-Ing. Eberhard Müller
Eberhard Müller ist neben seinen Tätigkeiten als CEO, CRO, CPO und CDO als Projektleiter für Change- und Growth-Anlässe im internationalen Umfeld tätig. (Bild: © Eberhard Müller/BestPractice Verlag)

Dr. Eberhard Müller ist Executive Interim Manager mit unternehmerischem Profil und internationaler Erfahrung bei mittelständischen Global Playern und Konzernen aus der Automobilindustrie, dem Maschinenbau, der Elektrotechnik, der Energiewirtschaft, der Prozessindustrie sowie der Gesundheitsbranche und dem Handel. Er übernimmt Tätigkeiten als CEO, CRO, CPO und CDO sowie als Projektleiter für Change- und Growth-Anlässe im internationalen Umfeld. Als Wegbereiter, Vertrauter und Transformator gestaltet er Veränderungen im General Management sowie im Einkauf, Supply Chain Management und in der Logistik. Parallel zu seiner Promotion leitete er zunächst als Geschäftsführer das elterliche Unternehmen. Danach wechselte er zur Fraunhofer Gesellschaft, setzte national und international innovative Ansätze im Bereich Logistik mit Industriepartnern um, später als Asienbeauftragter mit asiatischen Forschungseinrichtungen und Unternehmen. Es folgten unterschiedliche Festanstellungen bei global agierenden, produzierenden Unternehmen. Er ist Mitglied im VDI, BME, BVL sowie DDIM und leitet die DDIM-Fachgruppe Digitalisierung.

Oliver Foitzik

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