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Ein Hoch auf den Zynismus: Tabakkonzerne verbieten das Rauchen

„Wo sind die Genussmenschen hin?“, fragt sich Ulrich B Wagner heute in seiner wöchentlichen Kolumne “QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag”. Wenn schon Tabakkonzerne den Mitarbeitern das Rauchen verbieten, welchen Zynismus birgt der Kapitalismus dann noch in sich? Vielleicht einen Veggie-Day beim Deutschen Fleischerverband?

Der Kapitalismus zeigt sich als zynisch und nicht als tödlich.

Unbekannt

Zynismus ist die einzige Form, in der gemeine Seelen an das streifen, was Redlichkeit ist.

Friedrich Wilhelm Nietzsche

 

Vaterlandstreue Raucher

Einverstanden: Rauchen ist schädlich und ungesund. Doch was hat die Bundesregierung in den letzten Jahren nicht alles drangesetzt, um die Löcher im Haushaltsetat durch weitere Erhöhungen der Tabaksteuer zu stopfen. Fast könnte man daher auch fordern, dass das Rauchen in der Öffentlichkeit auch als das anerkannt wird, was es im Grunde genommen ist: ein aufrichtiger und gewissenhafter Dienst am Vaterland. Mit für uns manchmal vaterlandstreuen Gesellen auch bösen Nebenwirkungen, wie gelbe Fingernägel oder einem baldigen Treffen mit dem bösen Sensenmann.

Anti-Terrokampf, Löcher im Gesundheitssystem, marode Autobahnen, eine Bundeswehr, die ihre Fluggeräte nicht mehr in die Lüfte bekommt. In einigen Studien wird daher davon ausgegangen, dass viele der Raucherkollegen und -kolleginnen schon seit langem nicht mehr aus Genuss, sondern aus reinem patriotischem Pflichtgefühl sich kontinuierlich Tag für Tag den Glimmstengel anzünden. Was bei den Betroffenen zu schwerem Dauerstress, seelischer Belastung und Burn-Out führen kann.

Damals hatten Raucher noch nicht mit Zynismus zu kämpfen – wie heute. (Quelle: Eily Bergin: Overstolz vom Rhein / YouTube)

Raucher aller Länder vereinigt euch!

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Die Overstolz vom Rhein: leicht bekömmlich. (Screenshot aus © Eily Bergin: Overstolz vom Rhein – Werbung / Youtube; Originalvideo unter: https://www.youtube.com/watch?v=b0lNqic_X1s)

Ich empfehle daher, uns Rauchern lieber ein freundliches und anerkennendes Umfeld zu schaffen, in dem uns die Angst genommen wird, dass wir durch unseren moderaten Konsum daran Schuld sind, dass irgendwo im Ländle wieder ein Schauspielhaus oder Schwimmbad aus Geldmangel geschlossen werden. Angesichts dieser trostlosen Situation möchte man daher nur ausrufen: Raucher aller Länder vereinigt euch.
Doch es kommt laut SPIEGEL noch dicker: Camel-Konzern Reynolds: Tabakkonzern verbietet Mitarbeitern das Rauchen. Reynolds ist der zweitgrößte Tabakkonzern der USA – doch im eigenen Gebäude mögen die Manager keinen Qualm: Rauchende Mitarbeiter werden verbannt.

Was auf den ersten Blick wie ein verfrühter Aprilscherz aussieht, scheint wirklich ernstgemeint zu sein, wie es die Aussage eines Obergringos des Konzerns nahelegt: Wir sind überzeugt, dass es die richtige Maßnahme zur richtigen Zeit ist, um die Bedürfnisse der Nichtraucher besser zu berücksichtigen.

Hallo, möchte man ihm zurufen, ihr produziert Tabak und Rauchgeräte, wir sind eure Zielgruppe. Wir sorgen dafür, dass ihr mit dicken Schlitten eure Bräute in die teursten Restaurants und Clubs der Stadt ausführen könnt und nun dieser Undank! Man muss daher wirklich fragen, was diese Herrschaften aus der obersten Etage dieses Weltkonzerns so in ihre eigenen Zigaretten reindrehen oder auf der Herrentoilette konsumieren. Scherz beiseite, ich würde gerne mal die Gesichter dieser Oberzyniker sehen, wenn wir aus Trotz und Beleidigung in einen über Monate andauernden Rauchstreik gehen würden und sie schweißgebadet die Folgen ihres unüberlegten Tuns vor Augen ausknobeln müssen, wer als letzter das Licht ausmacht und von außen die Tür abschließt.

Gut liebe Genusskollegen, keine Angst, es wird uns – allein um unseren altehrwürdigen Ex-Bundeskanzler nicht zu nahe treten zu müssen – etwas anderes einfallen müssen, um ihnen unsre Verachtung zum Ausdruck zu bringen.

Zynismus regiert die Welt

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Zynismus mal anders: Ein Kind macht Zigaretten-Werbung. (Screenshot aus: © JTfromZurich: Lange, lange vor dem Rauchverbot / YouTube; http://www.youtube.com/watch?v=Jllu7AKywLk)

Zynismus ist das aufgeklärte falsche Bewusstsein, vermerkte Peter Sloterdijk einmal sehr richtig. Doch Zynismus scheint nicht nur, sondern ist mittlerweile zum wichtigsten Charakterzug eines Topmanagers geworden, denn es geht bekanntlich ja immer noch schlimmer. Schauen sie sich bloß das Online-Mitarbeitermagazin von McDonalds aus dem letzten Jahr an, in dem der Besuch eines Fast-Food-Restaurants als eine große Herausforderung bezeichnet wurde, wenn man gesund essen will. Des weiteren wurde den werten Mitarbeitern empfohlen, den Hausangestellten gelegentlich Trinkgeld zu geben. Macht am Ende des Tages auch Sinn, wenn man überlegt, was die armen Kerlchen ihren Hausangestellten zahlen können, wenn sie selbst nur 7,50.- € die Stunde für ihre Dienste bekommen.

Zynismus regiert die Welt. Ich sehe jetzt schon die Schlagzeile BILD vor meinem inneren Auge: Der Deutsche Fleischerverband (DFV) empfiehlt seinen Mitgliedern, sich zukünftig vegan zu ernähren: Der DFV-Pressesprecher hebt hervor, dass Fleischkonsum die wahre Geißel unserer heutigen Gesellschaft sei. Zuviel Fleisch führe zu häufigeren Herz-Kreislauferkrankungen und begünstigt Übergewicht mit allen bekannten Folgen von Bluthochdruck bis Impotenz, mit selbstverstndlich exorbitanten Auswirkungen auf die gesamtgesellschaftlichen Gesundheitskosten. Die Zucht von gängigen Fleischsorten führt darüberhinaus zu speziesverachtender Massentierhaltung, mit Auswirkungen auf die Fleischqualität, die wiederum negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Fleischkonsumenten hat, und so weiter.

Ich mache jetzt lieber Schluss, bevor es mir in Folge dieses maßlosen Zynismus doch noch speiübel wird. Ich schließe lieber die Rollläden, damit die Nachbarn mich nicht sehen und dann wieder mit faulen Eiern bewerfen, weil sie Angst haben, dass ich ihre Bälger verderbe. Lieber hole ich mir eine fettige Frikadelle und ein kühles Bier aus dem Kühlschrank, um beides gemeinsam mit einer wohlschmeckenden Zigarette im genüsslichen Einklang zu genießen.
Ich wünsche uns Allen ein schönes Wochenende und die Kraft, dass uns die Freude am Humor und am Genießen nie vergehen möchte.

Die beste Zigarette – ganz ohne Zynismus! (Quelle: JTfromZurich: Lange, lange vor dem Rauchverbot / YouTube)

 

Ihr

Ulrich B Wagner

 

Über Ulrich B Wagner

Ulrich B Wagner, irrsinn, das positive denken
(Foto: © Ulrich B. Wagner)

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema  „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von
Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

 

 

Lesen Sie auch die vorherigen Beiträge zur Kolumne “QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag” von Ulrich B Wagner:
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Katja Heumader

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