Kolumnen

Eine Reise in sich hinein und über sich hinaus

Die wöchentliche Business-Kolumne von Ulrich B Wagner

 

Heute: Der Anti-Arschloch Kodex oder ein längst überfälliges Statement für einen besseren Umgang im sozialen Miteinander.

 

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, §1 GG

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser dieser Kolumne,

 

ich entschuldige mich schon im Vorfeld für meine Wortwahl. Diese Art der Kommunikation verdient jedoch, mit Verlaub, keine andere Bezeichnung.

 

Das Potential zu einem Arschloch besitzen wir alle. Was unterscheidet jedoch professionelle Arschlöcher von temporären und was hat dies mit unserer Lebens- und Arbeitsplatzzufriedenheit, unserer Gesundheit, unserer Balance und dem Empfinden von Glück zu tun?

 

Die Klagen über Stress, Überlastung, Schlafstörungen, depressive Verstimmungen  psychosomatischer Störungen aller Art bis hin zum Burn-Out-Syndrom nehmen quer durch alle Bevölkerungsschichten zu. Ratgeber zu mehr Balance, Gelassenheit und Lebensglück überschwemmen nicht nur die Büchertische, sondern sind mittlerweile in jeder Hauspostille der Nr. 1 Aufmacher. Das Lebens- und Arbeitsklima erscheint rauer und unmenschlicher und führt immer häufiger zu psychisch bedingten Erkrankungen. Liegt es an den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, der Verschärfung des Wettbewerbs, dem Kampf auf dem Arbeitsmarkt, oder doch an der Art und Weise des zwischen-menschlichen Umgangs?

 

„Wie verlaufen denn unsere Diskussionen …..“ fragte schon Michel de Montaigne vor über 400 Jahren in seinen Essais. Also doch nur alter Wein in neuen Schläuchen? Ein wenig von allem, und doch in seiner Brisanz und Ausbreitung  ein neues und in seiner Dimension einzigartiges gesellschaftliches Phänomen.

 

Ob im privaten oder beruflichen Kontext, seelische Gewalt in der Kommunikation gehört mittlerweile, quer durch alle Bevölkerungsschichten, zum normalen Umgangston. Jenseits der immerhin fast durchgängig verpönten körperlichen Gewalt, wird sie mittlerweile als Alternative in Konflikten, u.a. durch Druck aller Art, gerne und ohne Beachtung der Folgen und Schäden eingesetzt. Ist dies wirklich so? Und wenn ja, aus welchem Grund?

 

Hier ein Kunde, der seinem Ärger über eine kurze Wartepause, Luft macht, und dabei gleichzeitig auch einfach mal so, unter die Gürtellinie zielt , und mit seinem Kriegsgebrüll die Stimmung und Gelassenheit im gesamten Umfeld sowie das Selbstbewusstsein seines Gegenübers zu  zertrümmern versucht. Hier eine Mitarbeiterin, die in ihrer aufgestauten Frustration und Bitternis über das Leben im Allgemeinen und im Besonderen, durch Spitzen, Boshaftigkeit und Niedertracht  ihre Kolleginnen und Kollegen tyrannisiert und verrückt macht und gleichzeitig ,das gesamte Betriebsklima in Schutt und Asche legt. Und dort schließlich der gereizte und schlecht gelaunte Vorgesetzte, der in seiner Nervosität, Gereiztheit und Dauerüberlastung, durch Unachtsamkeit, mangelnde Geduld, fehlende Empathie und soziale Inkompetenz ein Klima der Missgunst, des Neides und der Gehässigkeit bis hin zum „Modebegriff“ des Mobbing erschafft.

 

Hier ein Augenrollen, die eine oder andere Spitzfindigkeit, ein Angriff auf die Privatsphäre, ein vieldeutiges, hämisches Achselzucken, ein Verweis auf das Aussehen, das Geschlecht oder die Herkunft, dort der eine oder andere kommunikative Totschläger oder ein schlichtes, aber seit alters her effizientes Totgebrülle. Jedes für sich und als Einzelfall genommen ist noch nicht unbedingt ein Grund zur Beunruhigung. Nur was ist, wenn es sich nicht mehr um Einzelfälle, um punktuelle oder situationsbedingte Ausraster, sondern um gezielte, ob bewusste oder unbewusst durch soziales Lernen angeeignete, durchgängige Kommunikations-muster handelt, um in Konfliktsituationen um jeden Preis seinen Standpunkt durchzusetzen?  Wundern wir uns eigentlich noch darüber, oder gehören solche zwischenmenschlichen Entgleisungen schon so elementar zu unserem Alltag, dass wir sie einfach erdulden, und sie im Zweifels- und Extremfall in die Schublade Mobbing oder auch psychische Perversion eines einzelnen pathologischen Einzeltäters ablegen? Sind wir diesen Interaktionsstrategien hilflos ausgeliefert. oder liegt es nicht gerade an uns, an jedem Einzelnen, diesem respektlosen und gefühllosen Treiben Einhalt zu bieten?

 

Wer A sagt muss auch B sagen …

 

Meines Erachtens haben wir es mit einem gesamt-gesellschaftlichen Phänomen, der seelischen Grausamkeit zu tun, von der nicht nur jeder betroffen ist, ob Vorgesetzter, Chef, Angestellter, Schüler, Lehrer oder auch Familienmitglied, sondern sich in Folge der gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre auch schon infiziert hat. Es ist ein Virus, der sich schleichend in jedem von uns eingenistet hat. Bei dem einen oder anderen schlummert er in der Latenz und bricht nur von Zeit zu Zeit aus, bei wiederum anderen ist er vollständig ausgebrochen und hat sich in der Form der alltäglichen Kommunikation seinen Platz verschafft.

 

Wie sich diesem Problem stellen?

 

Das Potential für ein Arschloch besitzen wir demnach alle, und auch ich bekenne mich hier gerne in dem einen oder anderen Fall als schuldig. Doch was unterscheidet das Profi-Arschloch vom Amateur, und wie kann man sich gegen diese Grausamkeiten und diese Niedertracht wehren? Wenn eine Situation entsprechend aufgeheizt, gespannt und überhitzt ist, und das persönliche Erduldungskonto bereits mal wieder bis zum Bersten ausgereizt wurde, ist die Versuchung sehr hoch, sich mit einem unfairen Befreiungsschlag auf Kosten Anderer und im Gesamtkontext Unschuldiger Luft zu machen. Die meisten, und ich hoffe , es sind noch die meisten, können diesem affektiven Impuls widerstehen oder entschuldigen sich zumindest umgehend für ihre Entgleisung und ihren persönlichen Angriffe. Doch nun zum Profi oder auch der Champions League der Arschloch- Aktivisten. Hier treffen wir auf eine Spezies unserer lieben Mitmenschen, die dieses Verhalten durchgängig zu zeigen scheinen, so dass ohne weiteres von einer chronischen Interaktionsstrategie auf Kosten Anderer gesprochen werden kann. Das Profi-Arschloch zeigt somit ein mehrfaches, häufig auftretendes, über Raum und Zeit konstantes Kommunikationsmuster, das in unterschiedlichen Nuancierungen und Spielarten immer wieder angewendet wird, und in dessen Kielwasser Opfer zurückbleiben. (Robert L. Sutton, Der Arschloch Faktor).

 

Es ist Krieg da draußen

 

Ist dies wirklich so? Oder schaffen wir gerade dadurch, dass wir unser tägliches Miteinander als solchen bezeichnen, nicht gerade erst eine Form der kriegerischen Interaktion, die Worte als Waffen benutzt, und kriegerische Strategien als Blaupausen des tagtäglichen Miteinanders heranziehen?  Selbstverständlich ist unser Miteinander immer auch durch Wettbewerb und Konkurrenz gekennzeichnet, und nicht jede Auseinandersetzung kann immer einvernehmlich ausgetragen werden. Was aber, wenn die Grenzen zwischen Feindes- und Freundesland beliebig und unberechenbar werden?

 

Die Verrückung

 

Ob in internen Meetings, in Teamkonflikten oder Auseinandersetzungen mit Kunden, jenseits aller Sachdiskussionen werden von den jeweiligen Arschlöchern, hoch-emotionale Strategien gewählt, die nur darauf zielen,  seinen Gegenüber zu destabilisieren, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, ihn aus seiner Mitte zu verrücken und ihn so in seinen persönlichen Grundfesten verrückt zu machen. Es sind gezielte Provokationen mit psychologischen Wort- und Mordwaffen, die den Anderen wie aus heiterem Himmel auf bisher sicher geglaubtem Terrain unter der Gürtellinie angreifen und existentiell bedrohen. Es ist eine tyrannische Aktionsmacht, die den Gegner  zu Handlungen und Äußerungen verführen soll, die ihn deklassieren und ihn in den Augen der Beteiligten vom eigentlichen Angegriffenen zum Angreifer abstempeln soll. Die Angriffe werden, treffen sie auf unsere Verletzungsoffenheit, sprich unsere psychische Achillesferse, zu existentiellen Bedrohungen, in deren Folge unser Körper mit einer uralten Alarmreaktion reagiert,  und uns durch multitoxische Flutwellen in einen inneren Kriegszustand aus Flucht und Angriff versetzt.

 

Der Gesprächspartner soll mundtot und handlungsunfähig gemacht, aus Neid oder Missgunst, aus Mangel an Argumenten, aus Zeitersparnis, Ignoranz, eigener Schwäche und Minderwertigkeitsgefühlen, oder einfach nur aus Rache.

 

Sind diese Umgangsformen vielleicht sogar hoch ansteckend und verbreiten sich, falls ihnen nicht Einhalt geboten wird, sogar wie eine Epidemie?

 

Kaninchen trotzt Schlange!

 

Was also tun? Erst einmal heraus aus der Lähmung, der Hilflosigkeit und dem Schock. Da die Angriffe, wie oben beschrieben, immer auch in ihrer Härte und persönlichen Verletzung unerwartet kommen, springt in unserem Organismus ein seit der Steinzeit erprobtes Alarm- und Notfallsystem an. Der Blutdruck steigt, Stresshormone und körpereigene Drogen werden flutartig ausgeschüttet und versetzen uns in Angriffs- bzw. Fluchtimpulse. Eigentlich sehr hilfreich, wenn es nicht zu Lasten unserer vollen Bewusstseinsleistung gehen würde. Die bis dahin bunte und vielfältige Weltsicht wird schwarz–weiß, unsere Unterscheidung reduziert sich auf gut oder böse. Tod und Verderben. Wir schlagen zurück oder sitzen wie das berühmte Kaninchen gelähmt vor Schock vor der Schlange, und die Falle geht zu. Meist haben wir uns dann schon zu Äußerungen und Entgleisungen verführen lassen, die den bis dato sachlichen Konflikt auf kriegerische Nebenschauplätze verlagert, in denen es schon lange nicht mehr um eine lösungsorientierte Auseinandersetzung geht.

 

Das Wissen um die Hinterhältigkeit und versuchte Verführung kann hier schon hilfreich sein, den Automatismus zu unterbrechen und einen klaren Kopf zu bewahren. Reagieren Sie sofort auf den Übergriff und verschaffen Sie sich Zeit. Versuchen Sie auf keinen Fall, durch falsch verstandene Größe oder Souveränität, die Äußerungen zu überhören oder schlimmer noch, den Aggressor durch Unterwürfigkeit in seinem unangemessenen Verhalten zu besänftigen. Sie schaffen ihm erstens nur Nachahmer und zweitens stoßen Sie die Tür der Niedertracht bei Ihrem Gegenüber nur noch weiter auf. Nach dem Motto "das hat ihm nichts ausgemacht, dann kann ich die Sau ja jetzt richtig raus lassen" wird es in Zukunft nur noch schlimmer kommen. Auf der Welle der falsch verstandenen Toleranz werden so nur neue Arschlöcher surfen, die sich denken, das hat bei dem geklappt, warum sollte ich mich dann noch fair und anständig verhalten.

 

Harmonie verblödet

 

Die ganzen Legionen von Arschlöschern bekommen wir nicht mehr in den Griff. In unserem Umfeld können wir jedoch, schon in unserem eigenen Interesse damit beginnen. Schulen Sie sich und ihr Umfeld in Konflikt- und Krisenkommunikation, und stellen Sie sich schützend vor sich selbst und Andere, wenn es zu persönlichen, seelischen oder anders gearteten niederträchtigen Angriffen kommt, und zeigen Sie deutlich, dass dies in Ihrem Umfeld unerwünscht ist. Weisen Sie ausdrücklich darauf hin, dass Qualität, Leistung und persönliches Engagement nur in einem Klima des gegenseitigen Respekts und der Wertschätzung gedeihen können. Betrachten Sie Ratgeber wie „Verbotene Rhetorik“ und andere Manipulationsfibeln als das was sie sind, Anstiftungen zur Körperverletzung. Fordern Sie die Einhaltung eines Anti-Arschloch Kodex ein, sowohl im internen Miteinander, als auch im Außenverhältnis.

 

Fangen Sie im Kleinen an, schulen Sie sich in Selbstreflexion und Meta-Kommunikation, achten Sie auf die leisen Gewichte, die Zwischentöne und ambivalente Aussagen in der Kommunikation und beginnen Sie in Ihrem Umfeld.

 

In diesem Sinne, bis nächste Woche

 

Ihr Ulrich B Wagner

 

 

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Profil des Autors:

 

Ulrich B. Wagner, Jahrgang 1967, studierte Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main. Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main und gleichzeitig Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie. Ulrich Wagner arbeitet als Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

 

Zu erreichen: via Website www.ikcm.de, via Mail uwagner@ikcm.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

 

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