Kolumnen

Eine Reise in sich hinein und über sich hinaus

Die wöchentliche Business-Kolumne von Ulrich B Wagner.

Heute über das Finden und Wiederfinden

 

Georg Christoph Lichtenberg schrieb einmal: Die großen Begebenheiten der Welt werden nicht gemacht, sie finden sich.

 

Manchmal ist es jedoch nicht die Zeit zu finden. Der Augenblick, um etwas zu finden, scheint selbst verloren, und man schwebt in einer Zwischenzeit, einer lähmenden Ratlosigkeit des Nicht-Wissens. Das Alte, das bisher Bewährte und Alltagstaugliche, verliert seine Elastizität, seine Sprengkraft und Gültigkeit, und das Neue, die zündende Idee, lässt sich einfach nicht blicken.

 

In diesem Zustand bleibt die interne Innovationskraft verborgen, und wenn wir für Sekundenbruchteile einen Hauch erhaschen, verfliegt das Neue, wie die Blüten einer Pusteblume. In den Zeiten des Nichtfindens scheint alles flüchtig und verschwommen. Zu allem Überdruss scheint es uns auch nicht zu gelingen, von dem Alten, im wahrsten Sinne des Wortes, die Finger zu lassen. Mit dem Mut Verzweiflung versuchen wir in blindem Aktionismus, die veränderten Umstände und das damit verbundene Versagen der ehemaligen Patentrezepte anzuerkennen. Wir hängen sprichwörtlich in uns selbst fest und beginnen, da uns alle anderen Wege verschlossen scheinen, und als wäre dieses Eingekerkertsein in die alten Routinen nicht schon genug, uns wie der Hamster im Rad um uns und um unser Dilemma zu drehen.

 

Die sprichwörtliche Betriebsblindheit lässt uns, wie ferngesteuert und gegen jede Einsicht, immer wieder die gleichen Verhaltensweisen durchführen und, frei nach dem Motto die Hoffnung stirbt zum Schluss, auf ein anderes Ergebnis hoffen.

 

Die Zwischenzeiten des Nichtfindens sind jedoch wichtig für uns. Sie sind die Niemandsländer auf unserem Weg durchs Leben und beschreiben die Übergänge von einem Abschnitt zum anderen. Sie bieten den Raum für den notwendigen Perspektivenwechsel. Bekanntlich hilft es ja meistens schon, nur einen Schritt zur Seite zu gehen, für einen Moment aus dem Hamsterrad auszusteigen, um die Welt mit anderen Augen zu sehen: Den eigenen Standpunkt verändern, die Dinge außerhalb des Schlachtengetümmels, vom Feldherrenhügel oder aus der Helikopterperspektive, betrachten, sind notwendige Veränderungen des Blickwinkels, um die eigenen oder internen Möglichkeiten zu entdecken.

 

Unser Alltag bietet uns vielfältige Möglichkeiten und Einladungen zum Innehalten, zum Wechsel auf eine höhere Ebene, die Distanz und Weitsicht ermöglicht. Doch häufig gelingt es uns nicht, diese zu erkennen, oder wir verkennen sie schlicht in unserem Aktionismus.

 

Das mit dem Perspektivenwechsel einhergehende Innehalten und Verweilen erscheint uns in unserer Zeit des ständigen Getriebenseins und Angesichts der Anforderungen, denen wir uns tagtäglich ausgesetzt sehen, unmöglich. Das Einzige was uns einfällt ist, noch mehr des Alten in noch höherer Geschwindigkeit durchzuhecheln. Zu oft missverstehen wir dieses strategische Innehalten als Stillstand, als erstes Anzeichen von Schwäche und mangelnder Entscheidungsstärke. Doch nur das bewusste Innehalten ermöglicht das Finden und Wiederfinden neuer und innovativer Fragen, die neue und notwendige Antworten auf alte und bekannte Problemstellungen bieten.

 

Ich beantworte die mir häufig gestellte Frage nach meinem Verständnis von ziel- und lösungsorientiertem Business-Coaching und Managementberatung mit der Geschichte über Nasreddin Mullahs verlorenem Schlüssel:

 

Eine Gruppe von Menschen stieß eines Abends auf Nasreddin Mullah, als er auf seinen Händen und Knien unter einer Straßenlaterne herumkroch. „Was suchst Du?“, fragten sie ihn. „Ich habe die Schlüssel zu meinem Haus verloren“, antwortete er. Alle gingen sie auf die Knie, um bei der Suche zu helfen, aber nach einer Zeit, ohne irgendetwas zu finden, fragte ihn jemand, wo er die Schlüssel ursprünglich verloren hatte. „Da drüben im Dunkeln“, antwortete Nasreddin. Einer fragte schließlich: „Warum suchst Du dann hier unter der Laterne“? „Weil hier mehr Licht ist“, antwortete Nasreddin.

 

Ebenso wie Nasreddin ziehen wir es bei Problemen meist vor, auf uns bekanntem Gebiet zu suchen. Ein guter Coach und Berater sollte daher immer Fragen über das vermeintlich Selbstverständliche hinaus stellen, helfen, den Blickwinkel zu wechseln, und auf neue Gebiete begleiten:

 

Horizonte öffnen, Horizonte erweitern.

 

 

 

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Profil des Autors:

 

Ulrich B. Wagner, Jahrgang 1967, studierte Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main. Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main und gleichzeitig Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie. Ulrich Wagner arbeitet als Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

 

Zu erreichen: via Website www.ikcm.de, via Mail uwagner@ikcm.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

 

ElSchnuppero

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