Wirtschaft

Informationsdienst Wirtschaft und Internationales: 13.04.2011

Wirtschaftspolitik:
1. Weltbank und UN sehen Palästina als lebensfähigen Staat an
2. Atomausstieg bis 2015 und Kohleaus bis 2030 ergibt Gewinn von 35 Mrd. Euro
3. Bayern hat wieder Vorkrisenniveau erreicht
4. Inflation in Russland erreicht 9,5%
5. Ukraine will Multi-Billionenschatz an Gasvorräten schneller fördern
6. Einwanderer sind der Motor der deutschen Existentgründungen

Branchen und Unternehmen:

7. Zeitarbeit: Mehr Lohn bei höherer Flexibilität
8. Infineon verklagt US-Konkurrenten wegen Patentverletzungen
9. Boing erhält Patent auf umgedrehtes Flügeldesign
10. ThyssenKrupp will Milliarden-Beteiligungen verkaufen
11. Spezialchemieunternehmen Evonik vielleicht schon 2011 an der Börse
12. Toyota unterbricht Produktion in Europa für fünf Tage

 

Wirtschaftspolitik:

 

Weltbank und UN sehen Palästina als lebensfähigen Staat an
Laut einem Bericht der Vereinten Nationen erfüllt die palästinensische Autonomiebehörde mittlerweile – gemessen an den Kriterien Regierungsführung, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte, Infrastruktur, Erwerbsmöglichkeiten und Gesundheitswesen – die Voraussetzungen für einen eigenen unabhängigen Staat . Zu der gleichen Einschätzung war letzte Woche bereits die Weltbank gelangt. Die Palästinensische Autonomiebehörde will nun bis September eine funktionierende Verwaltung, effektive Sicherheitskräfte und eine unabhängige Justiz aufbauen, um dann einen unabhängigen Staat auszurufen, der das Westjordanland, den Gazastreifen und den arabischen Ostteil Jerusalems umfassen soll. Der UN-Bericht listet auch alle Maßnahmen Israels auf, die eine bessere Bewegungsfreiheit der Palästinenser im Westjordanland ermöglicht haben. Allerdings wird Israel geraten, die Besatzung weiter zu lockern, um den Fortschritten der Autonomiebehörde zu entsprechen. Größtes Hindernis für die Palästinenser dürften die israelischen Hardliner sein: Israel ist auf die in mehreren Kriegen angeeigneten Wasserreserven angewiesen (laut Schätzungen der Weltbank werden 90% des Grundwassers des Westjordanlandes für die Bewässerung der israelischen Anbaugebiete genutzt, für die palästinensischen Gebiete bleiben nur 10%), Israel weigert sich auch, die international nicht anerkannte Annektierung von dem arabischen Ostteil Jerusalems rückgängig zu machen (1967) und dürfte an der finanziellen Herausforderung scheitern, die vertriebenen Palästinenser für deren Grund und Boden zu entschädigen (prinzipielles Recht auf Rückkehr der allein 750.000 im Zuge des Krieges 1948 vertriebenen Palästinenser, bzw. deren Kompensation – geschätzte Kosten bis zu 100 Milliarden Dollar). Die Aufrechterhaltung des Konflikts bot daher Israel bislang die willkommene Möglichkeit, sich über eine Lösung dieser gewaltigen, historisch gewachsenen Probleme keine Gedanken machen zu müssen.

 

Atomausstieg bis 2015 und Kohleaus bis 2030 ergibt Gewinn von 35 Mrd. Euro
35 Milliarden Euro Gewinn durch einen schnellen Atomausstieg und verstärkten Klimaschutz. Grund seien vor allem die vielen neuen Arbeitsplätze, die dezentrale Energieversorgung, bei der sich die Bürger gegenseitig Strom verkaufen und davon profitieren (besonders einkommensschwache Regionen) und das Zurückfahren der jährlichen Milliardenabflüsse an die Ölstaaten des Nahen und Mittleren Ostens. Greenpeace hat nun konkrete Zahlen durchgerechnet und veranschlagt für einen zügigen Atomausstieg bis 2015 und die Abschaltung aller großen Kohlekraftwerke bis 2030 Investitionen in Höhe von insgesamt 110 Milliarden Euro. Dem stehen allerdings 145 Milliarden Euro an Einsparungen gegenüber, etwa bei den Ausgaben für Brennstoffe – demnach ein Nettogewinn von 35 Milliarden Euro. Auch ein früherer Atomausstieg bis 2013 sei zu überschaubaren Kosten möglich. Im Vergleich zum Restrisiko der deutschen Atomkraftwerke seien die nötigen Investitionen für den Ausstieg bis 2013 „marginal“. Die Leitstudie 2010 des Bundesumweltministeriums hatte bereits angeführt, dass die deutsche Volkswirtschaft bis zur Jahrhundertmitte insgesamt 670 Milliarden Euro gegenüber der Weiterführung einer fossilen Energieversorgung einsparen kann (im Schnitt ergibt das ab heute gerechnet rund 17 Milliarden Euro pro Jahr).

 

Bayern hat wieder Vorkrisenniveau erreicht
Der Freistaat Bayern hat nach dem sehr guten ersten Quartal 2011 und dem starken Wachstum von 3,9 Prozent in 2010 (Deutschland: 3,6 Prozent) bereits wieder das Vorkrisenniveau erreicht. Laut dem Präsidenten der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw), Randolf Rodenstock, sei Bayern das erste Bundesland, das wieder an die Rekordwerte von 2007/2008 anknüpfen kann. Die konjunkturelle Lage bleibt laut dem aktuellen vbw-Index dabei auch weiterhin gut. Der Index kletterte auf 156 von 200 möglichen Punkten, den höchsten Wert seit Beginn der Erhebung im Jahr 2003. Noch im Herbst 2009 hatte der Index krisenbedingt mit 51 Punkten seinen Tiefststand erreicht. Der „stabile Wachstumspfad“ leite dabei den Freistaat zu einem weiteren Wachstum von über drei Prozent im laufenden Jahr. Die anderen Auguren der deutschen Wirtschaft sehen die Zeichen ähnlich, und prophezeien für den Bund ähnliche Zahlenwerte: Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) geht für Deutschland von 2,8 Prozent aus, die führenden Forschungsinstitute haben in ihrem Frühjahrsgutachten ebenfalls 2,8 Prozent prognostiziert, der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) erhöhte seine Konjunkturprognose auf „etwas mehr“ als 2,5 Prozent und laut dem Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) sind sogar bis zu drei Prozent möglich.

 

Inflation in Russland erreicht 9,5%
Der IWF hat Russland aufgefordert, seine Geld- und Kreditpolitik zu verschärfen – also den Leitzins anzuheben. Hintergrund sei der alarmierend hohe Wert der Teuerungsrate (Inflation) in der Größenordnung von 9,5 Prozent. Seit Ende 2010 wurde der Leitzins bereits um 0,25 Prozentpunkte erhöht. Eine weitere Erhöhung könnte die Inflation laut dem IWF auf sechs bis sieben Prozent reduzieren.

 

Ukraine will Multi-Billionenschatz an Gasvorräten schneller fördern
Gegenwärtig deckt die Ukraine mit 15 Atomreaktoren über die Hälfte seiner Stromerzeugung. In dem Land steht auch der Atom-"Sarkophag" des Katastrophen-AKWs Tschernobyl. Die Ukraine ist auch das wichtigste Transitland für Erdgas aus Russland: Über 80 Prozent des nach Europa importierten russischen Gases wird durch die Ukraine geleitet. Dabei fördert das Land selber jährlich rund 20 Milliarden Kubikmeter Gas für den Eigenbedarf und kauft zusätzliche 40 Milliarden in Russland ein. Nun will Kiew verstärkt seine rieseigen Öl- und Gasvorkommen erschließen. In Singapur wurde bereits eine moderne Bohrinsel gekauft, die dann ab Herbst im größten Ölvorkommen im Schwarzmeerschelf eingesetzt werden soll. Insgesamt soll die Förderung vorerst mindestens verdoppelt werden. Dafür werden jedoch fortschrittliche Technologie benötigt (Tiefseeförderung) und daher Joint Venture mit russischen Förderern angestrebt. Die gesamten einheimischen Schiefergasvorräte (unkonventionelle Gaslagerstätte) seien zudem die größten in Europa und werden auf 5.000 Mrd. bis 8.000 Mrd. Kubikmeter geschätzt, die konventionellen Schelfgas-Lagerstätten im Festlandsockel des Schwarzen Meeres noch gar nicht mit eingerechnet. Die Vorräte an Grubenmethan in den Bergbauregionen Donetsk und Luhansk machen insgesamt 7.000 Mrd. bis 8.000 Mrd. Kubikmeter aus, das wären 2,9% der Weltvorräte. Derzeit kosten 1.000 Kubikmeter Erdgas an den Spotmärkten rund 350 Dollar. Die Reserven übersteigen also insgesamt die Billionen-Euro-Grenze um ein Vielfaches.

 

Einwanderer sind der Motor der deutschen Existentgründungen
Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg wagen nur 4,2 Prozent der Deutschen ohne Migrationshintergrund den Schritt in die Selbstständigkeit. Bei Einwanderern sind es hingegen sieben Prozent. Damit hat fast jeder vierte Gründer in Deutschland einen Migrationshintergrund. Auffallend ist zudem, dass die von Migranten gegründeten Unternehmen im Durchschnitt größer seien: Mehr als 70 Prozent beschäftigten bereits bei der Gründung Mitarbeiter oder beabsichtigen, in Kürze jemanden einzustellen, bei einheimischen Gründern liegt der Wert bei 50 Prozent. Entscheidender Grund für die häufigeren Existenzgründungen unter Einwanderern sei vor allem die drohende Arbeitslosigkeit: In Deutschland ist die Arbeitslosenquote bei Ausländern doppelt so hoch wie bei deutschen Staatsbürgern. Viele Migranten würden daher aus der Not eine Tugend machen.

 

Branchen und Unternehmen:

 

Zeitarbeit: Mehr Lohn bei höherer Flexibilität
Patrick De Maeseneire, Chef des weltgrößten Personalvermittlers Adecco, fordert als Ausgleich für eine (mögliche) gleiche Entlohnung von Leiharbeitern im Vergleich zu ihren festangestellten Kollegen (Equal Pay) eine höhere Flexibilität. Er verwies auf Frankreich, wo das Equal Pay Prinzip bereits umgesetzt wird, allerdings die Zeitarbeiter nur auf wöchentlicher Basis beschäftigt und entlohnt werden. Das ist in Deutschland bislang verboten.

 

Infineon verklagt US-Konkurrenten wegen Patentverletzungen
Der deutsche Chiphersteller Infineon hat eine Schadensersatzklage gegen seinen US-Konkurrenten Atmel wegen Patentverletzungen in elf Fällen eingereicht. Zur Höhe der Forderung wollte sich das Unternehmen vorerst nicht äußern. Atmel stellt Mikrocontroller und Systemkomponenten für verschiedene Industriezweige her. Außerdem fordert Infineon eine gerichtliche Feststellung, dass drei von Atmel gehaltene Patente nicht verletzt worden seien. Diese drei Patente sollen zudem für ungültig erklärt werden.

 

Boing erhält Patent auf umgedrehtes Flügeldesign
Der US-Flugzeugbauer Boing hat ein radikal neues Design für ein Passagierflugzeug entworfen: Die Tragflächen weisen dabei in die falsche Richtung. Sie sind nicht an der Rumpfmitte angebracht und weisen leicht pfeilförmig nach hinten, sondern sind kurz vor dem Leitwerk (Heck) angebracht und weisen nach vorne. Vorne (am Bug) sind kleine Stabilisierungsflügel angebracht, ähnlich wie beim Eurofighter. Ziel des neuen Designs ist es, künftige Maschinen umweltfreundlicher, leiser, komfortabler und vor allem wirtschaftlicher zu machen. Durch die Anbringung der Triebwerke oberhalb der großen Flügelflächen im hinteren Bereich soll die Lärmabstrahlung nach oben und nicht mehr nach unten erfolgen, womit das Flugzeug erheblich leiser wäre. Das Patent war bereits Ende 2006 eingereicht worden und wurde nun erteilt.

 

ThyssenKrupp will Milliarden-Beteiligungen verkaufen
Die Pläne für einen Umbau von ThyssenKrupp werden konkreter. Demnach werden gerade Strategien durchgespielt, Konzerngesellschaften mit mehreren Milliarden Euro Umsatz zu verkaufen. Beispielsweise geht es um die Trennung von dem risikoanfälligen Hafen- und Spezialtiefbau (1,5 Milliarden Euro Umsatz) sowie um die Industrieservicetochter Xervon. Die Erlöse sollen in den Schuldenabbau (5,8 Milliarden Euro) und den Ausbau des Technologiegeschäfts fließen. Konkrete Entscheidungen werden jedoch erst mit der Vorlage der neuen Strategie Mitte Mai erwartet. 2013/14 werden neue Anleihen in Milliardenhöhe fällig. Bis dahin sollen die Schulden entscheidend reduziert werden, da sonst aufgrund des schlechten Rating die Refinanzierung an den Kapitalmärkten sehr teuer werden würde.

 

Spezialchemieunternehmen Evonik vielleicht schon 2011 an der Börse
Die RAG-Stiftung, die knapp 75 Prozent der Anteile an dem Spezialchemieunternehmen Evonik (bis Ende 2006 Degussa AG) hält, plant einen zügigen Börsengang von Evonik innerhalb der nächsten 15 Monate. Bei einer unsicheren Weltkonjunktur könne der Börsengang jedoch erneut, wie schon 2008, verschoben werden. Die RAG-Stifzung will sich von 20 Prozent der Anteile trennen, der Finanzinvestot CVC will seinem 25 Prozent Paket rund 10 Prozent (also knapp die Hälfte) abgeben. Das Volumen wird zusammen auf vier Milliarden Euro taxiert. Mit einem gesamten Börsenwert von gut zehn Milliarden Euro wäre Evonik dann ein möglicher Kandidat für den Dax. Die RAG-Stiftung ist Eigentümerin der subventionierten deutschen Kohlebergwerke und wurde 2007 von der Bundesregierung sowie den Ländern Nordrhein-Westfalen und Saarland gegründet, um bis 2018 die Stilllegung des Kohlebergbaus zu finanzieren. Dafür ist auch der Verkauf von Evonik über die Börse vorgesehen.

 

Toyota unterbricht Produktion in Europa für fünf Tage
Toyota hatte bereits angekündigt, Ende des Monats die Produktion in dem Großteil seiner 14 Werke in Nordamerika aufgrund der Lieferengpässe aus Japan für vier bis fünf Werktage einzustellen. Noch kann das Unternehmen zwar auf sein Teilelager zurückgreifen, nun soll aber auch die Fertigung an fünf europäischen Standorten zwischen dem 21. April und 2. Mai für fünf Tage ausgesetzt werden. Betroffen sind Montageanlagen und Motorfabriken in Großbritannien, Montagewerke in Frankreich und der Türkei sowie ein Motorenwerk in Polen.

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