Wirtschaft

Informationsdienst Wirtschaft und Unternehmen: 01.06.2011

Wirtschaftsgeschichte:
1. E.Ons Klage sei legitim, ob sie aber auch erfolgreich ist?
2. Saudi-Arabien will 16 AKWs bis 2030 bauen
3. Elite wendet sich von Gaddafi ab – fünf Generäle geflohen

Branchen und Unternehmen:
4. Maschinenbau legt kräftig zu – ist aber noch unter Vorkrisenniveau
5. Chinesische Lenovo will Aldi-Lieferanten Medion übernehmen
6. Leverkusener Chemiekonzern Lanxess will Belgier kaufen
7. Renault bekommt neuen Vizechef
8. Opel schließt Sanierungsverhandlungen ab

 

Wirtschaftsgeschichte:

 

E.Ons Klage sei legitim, ob sie aber auch erfolgreich ist?
Der größte deutsche Energiekonzern E.On – Betreiber von sechs AKW und beteiligt an fünf weiteren (E.On bezieht fast 50 Prozent seines Stroms aus AKWs) – ist auf einen Konfrontationskurs gegen die Energiewende eingeschwenkt, fordert eine Entschädigung wegen dem Atom-Ausstieg und hat eine Klage wegen der Brennelementesteuer angekündigt. E.On erkenne zwar den politischen Mehrheitswillen an, erwarte aber „natürlich den gebotenen Ausgleich für den mit diesen Entscheidungen verbundenen Vermögensschaden in Milliardenhöhe“. Auch RWE kündigte an, sich alle rechtlichen Schritte offenzuhalten. Die Brennelementesteuer wird nur bis 2016 und auch nur auf neu eingesetzte Brennstäbe erhoben. Durch die dauerhafte Stilllegung der sieben ältesten AKWs und des Pannenreaktors Krümmel reduziert sich zudem die Abgabe von insgesamt 2,3 Milliarden auf 1,3 Milliarden Euro pro Jahr (das entspricht rund 150 Millionen Euro pro AKW und Jahr). Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler gab sich jedoch angesichts der angekündigten Klage gelassen: „Wenn jemand ein in einem Rechtsstaat verfügbares Rechtsmittel nutzen will, ist dies legitim. Eine andere Frage ist, ob dies von Erfolg gekrönt sein wird.“ Die Brennstoffsteuer sei gerechtfertigt, da sich die Gesetzesbegründung ausdrücklich nicht auf das Thema Laufzeitverlängerung beziehe. Insgesamt schätzt E.On die einzuklagenden Schäden aufgrund der politisch gewollten Laufzeitverkürzungen und der endgültigen Stilllegung von Anlagen auf eine zweistellige Milliardenhöhe. Der Stromkonzern habe im Vertrauen auf die im Herbst 2010 beschlossenen Laufzeitverlängerungen Investitionsentscheidungen in erheblichem Umfang getroffen. Derzeit werden die Schäden konkret beziffert und dann der Bundesregierung darlegt. Auch der RWE-Vorstandschef Jürgen Großmann spielte auf der Klaviatur der Ängste und warnte vor möglichen Folgen: „Wir machen Experimente mit der Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft – mit ungewissem Ausgang.“ Dabei haben nahezu alle nicht von der Atomlobby bezahlten Experten die Sicherheit und die Machbarkeit einer umsichtigen Energiewende mehrfach bestätigt und belegt.
Auch bei der Opposition regt sich der Protest: Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung will die Bundesregierung den AKW-Betreibern deutlich weiter entgegenkommen, als bislang bekannt. So sollen auch die Stromkontingente der sieben vom sofortigen Aus betroffenen Altmeiler auf jüngere AKWs übertragen werden dürfen – dies war bislang nur für die Strommengen des stillgelegten Reaktors Mülheim-Kärlich sowie des Pannenmeilers Krümmel vorgesehen. Somit dürften nach Berechnungen des Öko-Instituts alle verbleibenden neun AKWs binnen eines Jahres, zwischen 2021 und 2022 vom Netz gehen, anstatt sich kaskadenartig über einem längeren Zeitraum aus dem Netz zu verabschieden. Die Übertragung der Reststrom-Mengen auf die modernsten AKWs dürfte damit also zu einem Sammel-Ausstieg um das Jahr 2021 führen – mit umso gravierenderen Problemen für die Stromversorgung. Aus dem Öko-Institut heißt es: „Diese Stauchung in einen Zeitraum von zwölf Monaten kann zu erheblichen energiewirtschaftlichen Problemen, energiepolitischen Mehrkosten und letztlich zur Gefährdung des Ausstiegs führen.“ Auch die SPD sieht die Umsetzung des Atomausstiegs durch die schwarzgelbe Koalition kritisch: „Angesichts der Debatten über Kaltreserven, Sicherheitspuffer und eine Überprüfungsklausel bis 2018 haben wir die Sorge, dass hier heimlich eine Art Revisionsklausel eingebaut wurde.“

 

Saudi-Arabien will 16 AKWs bis 2030 bauen
Saudi-Arabien, der weltgrößte Ölexporteur, will bis 2030 über 100 Milliarden Dollar (69,5 Milliarden Euro) in die Erschließung der Atomkraft investieren. Hintergrund sind Prognosen, nach denen der Stromverbrauch des absolutistischen Königreichs innert der nächsten zehn Jahre um weitere sieben bis acht Prozent zunehmen wird. In zehn Jahren sollen dann die ersten beiden saudischen Reaktoren Strom produzieren. Danach sollen jedes Jahr zwei weitere Reaktoren ans Netz gehen und bis 2030 insgesamt 16 Meiler rund 20 Prozent des Strombedarfs produzieren. Pro Reaktor rechnet der Koordinator für wissenschaftliche Zusammenarbeit an der King Abdullah City für Atomare und Erneuerbare Energie, Abdul Ghani bin Melaibari, mit rund sieben Milliarden Dollar. Laut Schätzungen liegen unter dem Wüstenboden Saudi-Arabiens zwischen 400 und 716 Milliarden Barrel Erdöl. Bei einem derzeitigen Preis von grob 100 Dollar pro Barrel ergibt dies einen Wert von 40 bis 72 Billionen Dollar. Die Staatseinnahmen des Landes werden zu über 90 Prozent aus den Ölexporterlösen bestritten. Für ein verstärktes Engagement bei Erneuerbaren Energien fehle laut Germany Trade & Invest aufgrund der billigen Strompreise die Nachfrage. Die Strompreise liegen weit unter den Entstehungskosten und kosten mit ca. 1,5 Cent pro kWh nur rund ein Zehntel des Energiepreises in Deutschland. Die Kostenfrage erweise sich daher in dem extrem sonnenreichen Saudi-Arabien (Solarthermie) als entscheidendes Hindernis für eine Forcierung alternativer Energiequellen.
Ende 2009 hatten bereits die Vereinigten Arabischen Emirate mit einem Konsortium um die südkoreanische Korea Electric Power Corporation die Errichtung von vier Reaktoren zu je 1.400 MW beschlossen. Der Preis liegt bei 20 Milliarden Dollar. Ausschlaggebend für die Wahl der Südkoreaner sei deren ausgezeichnete „Sicherheitsphilosophie“ gewesen. Aus Industriekreisen heißt es aber auch, das Angebot sei um 16 Milliarden Dollar günstiger gewesen als das der französischen Konkurrenz. Der erste Reaktor soll bereits 2017 ans Netz gehen. Die VAE erwarten eine Verdopplung ihres Energiebedarfs bis 2020 auf etwa 40.000 MW pro Jahr steigen. Die Emirate sind der drittgrößte Ölexporteur der Welt, müssen aber schon jetzt Erdgas importieren, mit dem sie Stromkraftwerke betreiben.

 

Elite wendet sich von Gaddafi ab – fünf Generäle geflohen
Aus NATO-Kreisen heißt es: „Gaddafis Terrorherrschaft neigt sich dem Ende zu.“ Grund für den Optimismus ist die zunehmende Fahnenflucht von ranghohen Regimemitgliedern. Diesmal setzten sich acht hohe Offiziere nach Rom ab, darunter sogar fünf Generäle. Damit könne sich Gaddafi nur noch auf zehn Generäle stützen. Auch in das benachbarte Tunesien habe sich eine Gruppe ranghoher Offiziere sowie zahlreiche Soldaten abgesetzt. Einer der nach Rom geflüchteten Generäle sagte gegenüber der Presse, dass die libyschen Streitkräfte nach den zweimonatigen Bombardierungen durch Nato-Kampfflugzeuge nur noch zu 20 Prozent einsatzbereit seien. Die NATO kommentierte, dass die Luftangriffe die Führungs- und Kommandostruktur von Gaddafis Regime schwer getroffen habe: „Wenn die Offiziere keine Befehle mehr bekommen, dann verlieren sie das Vertrauen in die Führung. Und genau das passiert gerade. (…) Die Risse in der libyschen Führung sind deutlich zu sehen.“ Vor zwei Wochen hatte sich bereits der Vorsitzende der staatlichen Ölgesellschaft NOC, Schukri Ghanim, ins Ausland abgesetzt. Angeblich sei die Flucht aus Tripolis schwierig, da alle Top-Funktionäre, an deren Loyalität Zweifel bestünden, streng überwacht werden würden. Zuvor hatte sich auch bereits Gaddafis mächtiger Erstgeborener, Mohammed al-Gaddafi, der Chef der staatlichen Telekommunikationsgesellschaft (ein lukrativer Posten, der bei endemischer Korruption meist Milliarden in die Taschen um den Minister spült) ins tunesische Djerba geflogen ist, um sich dort medizinisch behandeln zu lassen. Libyen verfügt über 44,3 Milliarden Barrel Erdöl (rund 4,4 Billionen Dollar wert) und 1,54 Billionen Kubikmeter Gas (im Wert von rund 540 Milliarden Dollar).
Am 22. Mai hatte die EU ein Verbindungsbüro in der Rebellenhochburg Bengasi im Osten des Landes eröffnet, um dem Nationalen Übergangsrat der Rebellen Unterstützung sowohl in Sicherheitsfragen sowie auch in den Bereichen Wirtschaft, Gesundheit, Bildung und Zivilgesellschaft anzubieten. Das EU-Büro soll zunächst aber keinen diplomatischen Status erhalten, sondern nur „auf technischer Ebene“ arbeiten. Die EU betrachtet den Übergangsrat noch nicht wie vom Europaparlament gefordert als einzigen legitimen Vertreter Libyens. Die offizielle Anerkennung erfolgte bislang nur Seitens Italiens, Frankreichs, Großbritanniens, Katars und Gambias. Seitens der USA gab es bislang ebenfalls noch keine diplomatische Anerkennung, Washington spricht in diesem Zusammenhang bisher nur von einem „legitimen und glaubwürdigen Gesprächspartner“. Der Nationale Übergangsrat der Rebellen hat unterdessen beschlossen, den aufständischen Truppen einen Namen zu geben. Sie heißen ab sofort „Nationale Befreiungsarmee“.

 

Branchen und Unternehmen:

 

Maschinenbau legt kräftig zu – ist aber noch unter Vorkrisenniveau
Laut dem Branchenverband VDMA bleibt der deutsche Maschinenbau auf Wachstumskurs. Der Auftragseingang im deutschen Maschinen- und Anlagenbau lag im April real um 22 Prozent über dem Vorjahr – das Inlandsgeschäft legte dabei um 16 Prozent, das Auslandsgeschäft um 26 Prozent zu. Die Produktion lag im ersten Quartal des Jahres um 17,5 Prozent über dem Niveau des Vorjahres. Allerdings gebe es vor allem im Auslandsgeschäft eine anbahnende Seitwärtsbewegung auf hohem Niveau, auch die Staatsschulden- und Eurokrise könnten den Boom zunehmend gefährden. VDMA-Chef Wiechers rechnet jedoch mit einem Branchenwachstum von 14 Prozent für das laufende Jahr: „Unser Auftragsbestand reicht für die nächsten fünf Monate, niemand rechnet mit einem abrupten Abbruch. Die Bücher sind voll und wir haben jede Menge Projekte in der Pipeline.“ Zum Jahresende 2010 hatte die konjunkturanfällige Branche noch sechs Prozent unter dem Vorkrisenniveau aus dem Rekordjahr 2008 gelegen. Die deutsche Wirtschaft im Gesamten hatte bereits im ersten Quartal 2011 wieder das Vorkrisenniveau übertroffen und neue Rekordwerte erzielt.

 

Chinesische Lenovo will Aldi-Lieferanten Medion übernehmen
Der chinesische Computerproduzent Lenovo will für 630 Millionen Euro den in Essen ansässigen Aldi-Lieferanten Medion übernehmen (Computer, Kameras und Navigationsgeräte). Das Angebot liegt rund 18 Prozent über dem gegenwärtigen Aktienkurs. Lenovo war 1984 gegründet worden und ist mittlerweile der viertgrößte PC-Hersteller weltweit. 2005 hatte Lenovo bereits für 1,75 Milliarden Dollar die PC-Sparte des US-Konzerns IBM gekauft. Lenovo will zudem bei der PC-Produktion künftig mit dem japanischen Konzern NEC zusammenarbeiten. Medion wiederum war 1983 von dem Unternehmensgründer, Mehrheitseigentümer und Vorstandschef Gerd Brachmann gegründet und 1998 an die Börse gebrachte worden. Brachmann nahm das Übernahmeangebot bereits zu großen Teilen an und dürfte dafür rund 230,7 Millionen Euro erhalten. Der Umsatz des Essener IT-Konzerns war nach der Jahrtausendwende von drei Milliarden Euro und einem Gewinn von 179,9 Millionen Euro im Jahr 2003 auf zuletzt 1,64 Milliarden Euro Umsatz in 2010 und 28,1 Millionen Euro zurückgegangen.

 

Leverkusener Chemiekonzern Lanxess will Belgier kaufen
Der Chemiekonzern und ehemalige Bayer-Tochter Lanxess mit Sitz in Leverkusen will den belgischen Konkurrenten Taminco übernehmen, der auf Chemikalien für die Wasserbehandlung und für die Landwirtschaft spezialisiert ist. Entsprechende Gespräche mit dem Finanzinvestor CVC über dessen Beteiligung an Taminco wurden bereits begonnen. Der Verkaufspreis dürfte rund das Siebenfache des Ergebnisses vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) von 159 Millionen Euro in 2010 betragen – also rund eine Milliarde Euro. Damit wäre dies der größte Zukauf von Lanxess in der Unternehmensgeschichte. Mit der Übernahme von Taminco würde Lanxess seine Abhängigkeit vom Kautschukgeschäft reduzieren. Das Kunstgummi macht über die Hälfte des Umsatzes der Belgier aus. Das deutsche MDax-Unternehmen lässt sich von der Investmentbank JP Morgan beraten, die Verkäuferseite von Goldman Sachs und Merrill Lynch.
Am Montag war erst bekannt geworden, dass die beiden deutschen Chemieriesen Bayer und Lanxess durch überzogene Rechnungen und korrupte Mitarbeiter um Millionen betrogen wurden. Demnach hat ein Netzwerk aus Dutzenden Firmen aus dem Bereich Informations- und Nachrichtentechnik den Großkonzernen überzogene Rechnungen gestellt und wurde dabei angeblich durch korrupte Mitarbeiter gegen die Zahlung üppiger Schmiergelder gedeckt. Weitere Opfer sollen die Post AG und Netcologne sein. Ein Post-Manager hat bereits gestanden, von IT-Dienstleistern mehr als eine halbe Million Euro Bestechungsgelder erhalten zu haben.

 

Renault bekommt neuen Vizechef
Der bisherige Vizechef von Renault, Patrick Pelata, war im April zurückgetreten nachdem er zuvor die Verantwortung für die Spionagevorwürfe übernommen hatte. Renault hatte drei Führungskräften Anfang des Jahres gekündigt, weil sie angeblich gegen Bestechungsgelder firmeninternes Wissen verraten hätten. Später stellten sich die Vorwürfe als unbegründet heraus. Nachfolger von Pelata wird der aus Portugal stammende Topmanager Carlos Tavares, der bislang das Amerika-Geschäft der Konzernschwester Nissan geleitet hatte. Zuvor hatte Tavares 23 Jahre lang als Ingenieur bei Renault gearbeitet. Renault ist noch zu 15 Prozent in staatlicher Hand, der Staat ist damit der größte Einzelaktionär.

 

Opel schließt Sanierungsverhandlungen ab
Bei dem deutschen Autobauer Opel haben sich das Management, die Arbeitnehmervertreter und die US-Mutter General Motors (GM) auf den letztendlichen Sanierungskurs geeinigt. Dabei fällt das Abbauprogramm an dem Werk Bochum mit 600 Stellen geringer aus, als bislang geplant (1255). 300 Stellen bleiben in Bochum erhalten, weil die Getriebefertigung in dem Werk vorerst bis Ende 2013 gesichert ist. 300 weitere Mitarbeiter wechseln auf andere Arbeitsplätze an weiteren Opel-Standorten in Deutschland. Die Restrukturierung hatte Anfang 2010 begonnen und neben Produktinvestitionen auch eine Kapazitätsanpassung in den europäischen Werken zum Ziel. Die ursprünglichen Pläne hatten vorgesehen, in Deutschland 4.800 und europaweit 8.000 Stellen von ehemals 48.000 zu streichen. Betriebsratschef Rainer Einenkel ist mit dem Ausgang der Verhandlungen zufrieden: „Wir konnten in harten Verhandlungen wichtige Punkte durchsetzen.“ Betriebsbedingte Kündigungen sollen demnach erst dann möglich sein, wenn sich bis zum 15. August nicht ausreichend Freiwillige gemeldet haben, die mit einer finanziellen Abfindung das Unternehmen verlassen. Die „Mobilitätsprämie“ beträgt acht Brutto-Monatsgehälter.

 

 

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