Wirtschaft

Informationsdienst Wirtschaft und Unternehmen: 18.02.2011

Wirtschaftspolitik:
1. Deutschland knackt erstmals die Marke von 41 Mio. Erwerbstätigen
2. USA heben Wachstumsprognose auf 3,9% für 2011 an
3. Erdölmarkt spielt verrückt – zu Lasten Europas
4. EU verbietet sechs gefährliche Chemikalien – Übergangsfrist von fünf Jahren
5. Regierung ringt sich zur halbherzigen Regulation des grauen Kapitalmarkts durch
6. Gorbatschow warnt vor ägyptischem Szenario in Russland
7. Bagdad verklagt USA wegen „schlechten Geschmacks“ auf 1 Mrd. Dollar

Branchen und Unternehmen:

8. Moody’s senkt Bonität bestimmter Finanzpapiere von 23 deutschen Banken
9. Google-Chef will Zukunftsinstitut im Musterland Deutschland gründen
10. Bayer verblüfft mit Kunststoff aus dem Treibhausgas Kohlendioxid anstatt Erdöl
11. Swiss Re zahlt Milliardenkredit an Warren Buffet zurück
12. Müslihersteller Schneekoppe wird britisch

Automotive:

13. Honda muss 700.000 Autos zurückrufen
14. Daimler erfindet für Indien neue LKW-Marke „Bharat-Benz“
15. Russischer Hybrid für 10.000 Euro ab 2012 in Serienproduktion

 

Wirtschaftspolitik:

 

Deutschland knackt erstmals die Marke von 41 Mio. Erwerbstätigen
Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland ist um 422.000 auf 41,04 Mio. gestiegen. Damit wurde erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik die 41-Mio.-Marke überschritten. Wirtschaftsminister Brüderle spricht ganz im derzeit vorherrschenden Tenor der Superlative von einem „Beschäftigungswunder“. Am meisten legte dabei die Dienstleistungsbranche mit einem Zuwachs von 388.000 zu (auf rund 31 Mio.), gefolgt von der umstrittenen Zeitarbeit die fast ein Drittel der freien Stellen anbietet. Die Zahl der in der Industrie beschäftigten stieg um 7.000 auf rund 7,7 Mio. an.

 

USA heben Wachstumsprognose auf 3,9% für 2011 an
Die US-Notenbank Fed strotzt vor Selbstbewusstsein und korrigiert die Wachstumsprognose für die USA von 3,0 bis 3,6% vom November auf nun 3,4 bis 3,9% nach oben. Allerdings sei die Auswirkung auf den Arbeitsmarkt begrenzt, die Beschäftigung dürfte nur in bescheidenem Umfang zunehmen, heißt es.

 

Erdölmarkt spielt verrückt – zu Lasten Europas
Die Preisdifferenz zwischen Amerika und Europa waren beim Erdöl noch nie so groß: In den USA quellen die Öllager wegen steigender Produktion und sinkendem Verbrauch über (minus 10% US-Ölverbrauch seit dem Rekordjahr 2005), was den Preis auf 84 Dollar je Barrel (159 Liter) sinken lässt. Der europäische Ölmarkt zeigt sich von diesen Vorgaben jedoch unbeeindruckt und verharrt bei steigenden Preisen: Ein Barrel der Nordsee-Sorte Brent kostet mehr als 102 Dollar. Historisch gesehen war das amerikanische WTI bislang aufgrund seiner höheren Qualität immer ein paar Dollar teurer als Brent.

 

EU verbietet sechs gefährliche Chemikalien – Übergangsfrist von fünf Jahren
In der EU werden sechs gefährliche Chemikalien schrittweise verboten. Sie stehen in dem Verdacht, Krebs zu erregen bzw. die Fruchtbarkeit zu gefährden. Allerdings wird ein Zeitfenster von drei bis fünf Jahre gewährt, um weniger schädliche Ersatzstoffe zu finden. Davon betroffen sind u.a. der Duftstoff Moschus-Xylol, das in Klebstoffen und Kunstharzen verwendete 4,4′-Diaminodiphenylmethan und das als Brandschutz in Polstermöbeln verwendete Hexabromcyclododecan.

 

Regierung ringt sich zur halbherzigen Regulation des grauen Kapitalmarkts durch
Der „Graue Kapitalmarkt“ ist ein bislang kaum regulierter, provisionsgetriebener Sektor mit rund 80.000 freien Vermittlern, auf dem Anleger jährlich 20-30 Mrd. Euro verlieren. Grund seien unseriöse Angebote, Betrug, deutlich überhöhte Provisionen oder Missmanagement. Hier werden sowohl staatlich kaum regulierte, aber durchaus „seriöse“ Angebote gehandelt als auch Produkte, die bereits in betrügerischer Absicht aufgelegt werden. Nun haben sich nach monatelangem Streit Finanzminister Wolfgang Schäuble und Wirtschaftsminister Rainer Brüderle darauf geeinigt, die Machenschaften nun doch durch Regulierungen zu unterbinden. Es sollen Aufsichtsregeln eingeführt werden, die im regulierten Bereich längst Standard sind, wie Sachkunde-Nachweis, eine Berufshaftpflicht-Versicherung der Vermittler, umfangreiche Informations-, Beratungs- und Dokumentations-Pflichten sowie die Offenlegung der Provisionen. Die Aufsicht soll durch die Gewerbeaufsichtsämter erfolgen, Verbrauchschützer fordern hingegen eine Aufsicht durch Finanzkontrolleure der BaFin. Die heftige Kritik: Jetzt seien Behörden zuständig, die sich sonst nur um die Hygiene in Gaststätten oder illegal entsorgten Müll kümmerten. Die Gewerbeämter hätten weder die Zeit, noch die Ausstattung und die Kompetenz, um den Verkauf von hochsensiblen Finanzprodukten zu überwachen. Dennoch verkündete Brüderle (FDP): „Damit gelten künftig für den Vertrieb von Finanzprodukten die gleichen Spielregeln für Banken und freie Vermittler.“

 

Gorbatschow warnt vor "ägyptischem Szenario" in Russland
Der letzte Präsident der Sowjetunion Michail Gorbatschow hat in einem Interview mit dem „The Wall Street Journal“ die Oligarchie in Russland gewarnt: „Wenn alles bleibt, wie es ist, steigt meines Erachtens die Wahrscheinlichkeit eines ägyptischen Szenarios“. In Russland „könnte das noch schlimmer enden“. Das Machtduo Putin und Medwedew würden nur ihre eigene Machtbasis schützen. Die Verknüpfung zwischen Geheimdienst, Machtapparat und organisierter Kriminalität gilt Beobachtern schon seit Ende der 1990er als besorgniserregend, der Ausverkauf der Reichtümer des Landes an eine Handvoll privilegierter Oligarchen ist beispiellos, die Repression und Ermordung Oppositioneller und Journalisten erschreckend und die Korruption ufert aus – Putin selbst gelang vor kurzem in die Schlagzeilen, weil er sich für fast eine Milliarde Dollar eine Luxusvilla an der Schwarzmeerküste bauen lassen soll. Er soll mit einem Privatvermögen von fast 40 Mrd. Dollar mittlerweile sogar der reichste Russe sein und weltweit Rang vier in der Forbes-Liste der Superreichen belegen.

 

Bagdad verklagt USA wegen „schlechten Geschmacks“ auf 1 Mrd. Dollar
Die Stadtbehörden der irakischen Hauptstadt Bagdad fordern von den USA eine Milliarde Dollar Schadenersatz und eine Entschuldigung. Grund ist die Verschandlung des Stadtbildes durch Betonmauern und Geländefahrzeuge: „Die US-Armee hat diese wunderschöne Stadt auf hässliche Weise in ein Militärlager verwandelt, die von Gleichgültigkeit gegenüber den einfachsten Formen des Geschmacks zeugt.“ Auch seien die Wasserversorgung und Kanalisation weitgehend zerstört, Gehwegen und Parks schwer beschädigt. Vor dem Irakkrieg waren die USA ursprünglich von Kriegskosten in Höhe von 100-200 Mrd. Dollar ausgegangen, die durch Aufträge für amerikanische Firmen beim Wiederaufbau wieder eingespült worden wären. Real hat das Irak-Desaster den USA allerdings über eine Billionen Dollar – Wirtschafts-Nobelpreisträger Stiglitz geht sogar von 3 bis 5 Bio. Dollar aus – sowie aufgrund der nachweislich fingierten Kriegsgründe ihre Glaubwürdigkeit gekostet.

 

Branchen und Unternehmen:

 

Moody’s senkt Bonität bestimmter Finanzpapiere von 23 deutschen Banken
Die Ratingagentur Moody’s hat die Bonität bestimmter nachrangiger Finanzpapiere von 23 deutschen Banken um bis zu sieben Stufen gesenkt, im Durchschnitt um 2,5 Stufen. Der Marktwert beträgt 24 Mrd. Euro. Hintergrund ist eine Neubewertung bei der Ratingagentur, wonach solche Papiere künftig fast ausschließlich an der eigenen Finanzstärke der Bank ausgerichtet werden und nicht mehr an der Wahrscheinlichkeit einer Rettung durch den Steuerzahler.

 

Google-Chef will Zukunftsinstitut im Musterland Deutschland gründen
Bei seinem Deutschlandbesuch hat Google-Chef Eric Schmidt den Industrie- und Innovationsstandort Deutschland geadelt: „Die Überwindung der Weltwirtschaftskrise 2009, der Boost des Wirtschaftswachstums in Europa und vor allem Asien, all das hat die Welt der innovativen Kraft deutscher Industrieunternehmen zu verdanken.“ Er sehe Deutschland und Google als ein gutes Team – und will ein Zukunftsinstitut in Berlin gründen, das die Veränderungen des Internets auf Gesellschaft, Politik und Wirtschaft wissenschaftlich erforscht und debattiert. Deutschland sei der richtige Standort für ein Institut der globalen Wissensgesellschaft, denn die Innovationskraft des Landes habe sich vor allem durch die aktive gesellschaftliche Debattenkultur weiterentwickelt. Auch der „German Mittelstand“ steht im Google-Fokus. Mit der Google Kampagne „10.000 Small Business Initiative“ sollen KMUs und der Mittelstand unterstützt werden: „Wir alle wissen, dass vor allem kleine Unternehmen die Arbeitsplätze der Zukunft schaffen.“ Der Google-Chef schätzt zudem Berlin als eines der kreativsten Zentren der Welt und schloss mit den Worten: „Ich liebe deutsche Universitäten.“

 

Bayer verblüfft mit Kunststoff aus dem Treibhausgas Kohlendioxid anstatt Erdöl
Der Chemiekonzern Bayer hat symbolisch eine Produktionsanlage eröffnet, deren Kernstück ein streng gehütetes Geheimnis birgt: Die Anlage produziert hochwertigen Kunststoff aus dem Treibhausgas Kohlenstoffdioxid (CO2). Die verwendeten Stoffe sind geheim, jedoch wird kein Erdöl benötigt und stattdessen das klimaschädliche CO2 gebunden. Das Produkt ist ein leichter Kunststoff-Schaum, der etwa für Dämmmaterialien verwendet werden kann. Nun wird eine größere Anlage geplant, die den Ausstoß bis 2015 vervielfachen soll. Bayer-Technologie-Vorstand Wolfgang Plischke: „Die Verwendung von Kohlendioxid lohnt sich aus mehreren Gründen: Zum einen steigen die Preise für unsere bisherigen Ausgangsstoffe auf der Basis von Erdöl und anderen fossilen Stoffen stetig. Zum anderen würden wir mit der Produktion unseres Schaums das Kohlendioxid dauerhaft binden – damit wären wir berechtigt, Emissionszertifikate für Kohlendioxid zu verkaufen.“ Den Ausgangsstoff stammt von dem Energiekonzern RWE, der im Kohlekraftwerk Niederaußem auf der anderen Rheinseite ebenfalls mittels einer Pilotanlage das Kohlendioxid mit einer chemischen Waschlauge zu etwa 90% aus dem Rauchgas wäscht.

 

Swiss Re zahlt Milliardenkredit an Warren Buffet zurück
Der zweitgrößte Rückversicherer der Welt, die Swiss Re, hat vorzeitig das Anfang 2009 im Zuge der Finanzkrise geliehene Geld von dem US-Starinvestor Warren Buffet zurückgezahlt. Dieser hatte dem Rückversicherer damals mit 3 Mrd. Franken unter die Arme gegriffen. Die Kosten der vorzeitigen Ablösung der Anleihe waren damals mit 1 Mrd. Dollar angegeben worden. Die Belastung drückte den Jahresgewinn des schweizer Konzerns auf 863 Mio. Dollar.

 

Müslihersteller Schneekoppe wird britisch
Der britische Finanzinvestor Change Capital Partners (CCP) übernimmt 75 Prozent des bei Hamburg angesiedelten Müsli- und Fruchtschnitten-Herstellers Schneekoppe. Zum Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Schneekoppe war 2009 in die roten Zahlen gerutscht. Zur Finanzierung von Neuentwicklungen hatte Schneekoppe bereits im Oktober 2010 Anleihen über 10 Mio. Euro ausgegeben.

 

Automotive:

 

Honda muss 700.000 Autos zurückrufen
Honda setzt die in den letzten Jahren fast zur Routine gewordenen Rückrufaktionen japanischer Hersteller fort. 700.000 Fahrzeuge müssen wegen eines Motorenproblems in die Werkstätte zurück. Es bestehe die Gefahr, dass der Motor durch fehlerhafte Teile direkt nach dem Starten ausgeht und nicht mehr wieder gestartet werden kann. Betroffen sind die Modelle Fit, Freed und City, die in Deutschland offiziell nicht angeboten werden. Betroffen sind Asien und die USA. Honda musste in den letzten 12 Monaten insgesamt über vier Millionen Fahrzeuge zurückrufen (u.a. defekte Scheinwerfer). Der japanische Autobauer Nissan kam im gleichen Zeitraum aufgrund verschiedener Probleme auf 3,5 Mio. Rückrufe. Branchenprimus Toyota führt auch diese Statistik an: Unter anderem wegen rutschender Fußmatten (und klemmender Gaspedale) mussten allein in den USA fast 9 Mio. Fahrzeuge in die Werkstatt.

 

Daimler erfindet für Indien neue LKW-Marke „Bharat-Benz“
Der weltgrößte Lastwagenbauer Daimler hat für den boomenden indischen Subkontinent die neue Lkw-Marke Bharat-Benz geschaffen (Bharat bedeutet in verschiedenen Landessprachen Indien). Die neue Marke soll das Milliarden-Land erobern. 80% sollen dabei in lokaler Fertigung entstehen, die DNA hingegen sei von Daimler, so Konzernchef Dieter Zetsche. Die Produktion soll 2012 mit zunächst 36.000 Einheiten anlaufen und die Gewichtsklasse zwischen 6 bis 49 Tonnen abdecken.
Daimlers Engagement in Indien hat Tradition: Der erste Lastwagen „made in India“ war 1954 ein Daimler-Fahrzeug.

 

Russischer Hybrid für 10.000 Euro ab 2012 in Serienproduktion
Ё-Avto (Ё wird „jo“ ausgesprochen), ein Joint Venture der Holding Jarovit und des Konzerns Onexim, will ab 2012 mit der Serienproduktion von Hybrid-Autos beginnen. Im Dezember 2010 waren bereits drei verschiedene Ё-Modelle vorgestellt worden – eine Schräghecklimousine, einen Kleinlieferwagen und ein Cross-Coupé. Die Hybrid-Autos sollen umgerechnet rund 10.000 Euro kosten (Verbrauch rund 3,5 Liter).

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