Wirtschaft

Informationsdienst Wirtschaft und Unternehmen: 19.11.2010

1. Irland: Geeinte Front für Krisenmechanismus, Kritik an Hektik:
2. Irland will trotz Defizit verzweifelt an seinen dumping-Unternehmenssteuern festhalten:
3. Deutschland überholt China 2012 beim Exportüberschuss:
4. China hebt Exportboykott von Seltenen Erden gegen Japan auf:
5. DIW widerspricht angeblichen Facharbeitermangel:
6. Afrikanisches Gepäckstück war keine Bombe, sondern ein Test-Dummy:
7. Politik und Wirtschaft zeichnen „Umweltpakt Bayern“:
8. Fusion der Berater – Roland Berger kommt zu Deloitte:
9. GM-Börsengang, eine 23-Mrd.-Dollar-Wettberwerbsverzerrung:
10. Opel wird wieder AG – und damit eigenständiger:
11. Schaffler legt deutlich zu und hofft, Conti-Übernahme zu verdauen:
12. Bayer streicht 4.500 Stellen, davon 1.700 in Deutschland:
13. Dell kann Gewinn auf 822 Mio. Dollar mehr als verdoppeln:
14. Chinesischer Atom-Chef erhält Lebenslänglich wegen Korruption:

 

Irland: Geeinte Front für Krisenmechanismus, Kritik an Hektik

In der Irland- und Eurokrise haben sich sowohl Ökonomen, Sachverständigenrat als auch Bundesbank hinter den ab Mitte 2013 angedachten Krisenmechanismus gestellt, der bei extremen Schieflagen von Euroländern eine Beteiligung der privaten Gläubiger an den staatlichen (Sanierungs-)Kosten vorsieht. Dieser „Haircut“ soll laut dem Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung mindestens 20% aber höchstens 50% betragen. Die Anleihen sollen dann zu 80% von der Euro-Gemeinschaft abgesichert werden. Die schrittweise Einführung des Krisenmechanismus ab Mitte 2013 – bis dahin gilt der im Frühjahr geschnürte 750-Mrd.-Euro-Rettungsschirm – soll in einem ersten Schritt alle Anleihen mit der Klausel versehen, dass sich die Käufer verpflichten, einer Umschuldung zu unterwerfen. Die FDP hat sich hinter diesen Vorstoss des Ifo-Instituts gestellt. Auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung („Wirtschaftsweisen“) sprach sich für einen solchen Krisenmechanismus aus: Anleger sollen „nicht damit rechnen können, dass es bei einem fiskalischen Fehlverhalten eines Staates grundsätzlich zu einer uneingeschränkten Stützung durch die Gemeinschaft kommt“. Private Gläubiger müssten angemessen beteiligt werden. Auch die Bundesbank forderte, private Gläubiger nicht aus der Verantwortung zu entlassen. Bislang wird von gefährdeteren Staaten, wie Irland, Griechenland und Portugal, bei der Finanzierung auf den Kapitalmärkten ein hoher Risikoaufschlag gefordert. Dieser zusätzliche Gewinn, die Risikoprämie, wird eingefahren, das Wort Risiko dabei allerdings gestrichen – die Finanzindustrie erwartet statt dessen, dass für das Risiko etwaiger Verluste der Staat oder die Staatengemeinschaft und somit die Steuerzahler haften. Hier herrscht also definitiv Handlungsbedarf. Hans Werner Sinn vom Ifo-Institut kritisiert allerdings die Kommunikation dieser Debatte durch Bundeskanzlerin Merkel als überstürzt: „Ich verstehe nicht, warum ein Krisengeschehen an die Wand gemalt wird.“ Der Mechanismus soll erst ab Mitte 2013 greifen, Irland selbst muss sich das nächste Mal erst Mitte 2011 refinanzieren. Auf die voreilig in die Öffentlichkeit gezerrte Diskussion reagierten die Märkte indes erwartungsgemäß verschnupft, was die Risikozinsen und damit auch die Kosten für weitere Schuldenländer wie Griechenland und Portugal nach oben trieben. Beobachter werten das überstürzte Handeln der Bundeskanzlerin daher als Versuch, durch das Zerschlagen von außenpolitischem Porzellan, innenpolitisch aus der Schussbahn zu kommen. (siehe auch: FAZ Nr. 270)

 

Irland will trotz Defizit verzweifelt an seinen dumping-Unternehmenssteuern festhalten:
Irland sieht seine extrem niedrigen Unternehmenssteuern von 12,5 Prozent als „nicht verhandelbar“. Trotz der akuten Finanzierungskrise will Dublin diesen Standortvorteil behalten. Das ist auch der Hintergrund der Weigerung Irlands, Hilfen des EU-Rettungsschirmes anzufragen. Dies würde der EU-Kommission und dem IWF mehr Mitsprache bei den Staatsfinanzen einräumen, was unweigerlich zu einer Anpassung dieser Steuer an europaweite Werte führen würde. Deutschland und Großbritannien kritisieren den vergleichsweise niedrigen Steuersatz. Auch Österreich und Frankreich haben erklärt, als Gegenzug für Finanzhilfen müsse die Unternehmenssteuer erhöht werden.

 

Deutschland überholt China 2012 beim Exportüberschuss:

Laut der Herbstprognose der OECD könnte Deutschland 2012 den höchsten Leistungsbilanzüberschuss der OECD aufweisen und sogar den momentanen Exportweltmeister China überflügeln (für China wird aufgrund anziehender Importe mit einer Halbierung des Überschusses auf 5% des BIP in 2012 gerechnet). Der deutsche Exportüberschuss könnte dann 2012 auf sieben Prozent des BIP wachsen und damit nahe an den Deutschen Rekordwert von 7,6% aus dem Jahr 2007, der umgerechnet in Euro damals rund 250 Mrd. Euro betrug. In demselben Jahr erwirtschafteten die USA ein Saldo in der Leistungsbilanz von -731 Mrd. Euro (5,3% des BIP).
Derzeit drehen sich international und europaweit die Diskussionen um das erstrebte Ziel einer ausgeglichenen Leistungsbilanz: Defizitländer sollen nachhaltiger werden, Überschussländer ihre (oftmals vernachlässigten) Binnenmärkte entwickeln, wodurch sie unter anderem auch unabhängiger von exogenen Schocks werden. Die USA wollen eine Obergrenze von 4% für Exportüberschüsse erwirken. Auch die EU-Kommission hatte bereits auf dem Höhepunkt der Griechenlandkrise im Frühjahr 2010 auf die Notwendigkeit des Abbaus der Handelsungleichgewichte – sowohl der Defizite als auch der Überschüsse – hingewiesen. Die OECD wies nun in ihrer gerade vorgelegten Herbstprognose in dieselbe Richtung.
Das Beispiel Finanzkrise 2008 hat gezeigt: Nach dem deutschen Rekordüberschuss folgte wegen der extremen Abhängigkeit Deutschlands vom Weltmarkt in 2009 ein Rekordabsturz in Höhe von -4,7% des BIP. Trotz des derzeitigen kräftigen Aufschwungs war der Einschnitt so tief, dass wir erst im nächsten Jahr wieder das Vorkrisenniveau erreichen werden. Weitere Schocks im internationalen Bereich sind jedoch keine Ausnahmen, sondern die alle paar Jahre wiederkehrende Regel (Währungs- und Dollarkrise, Schuldenkrise, Eurokrise, Krise der Finanzmärkte etc.). Wir sollten den Überschuss daher nutzen und verstärkt im Inland investieren, um unabhängiger und stabiler zu werden – und der Staat ist gefordert, hierfür die geeigneten Leitplanken zu setzen und die benötigte Infrastruktur zu gewährleisten. Nur so können wir uns nachhaltiger für die nächsten Krisen aufstellen.

 

China hebt Exportboykott von Seltenen Erden gegen Japan auf:
Wegen eines diplomatischen Streits um eine umstrittene Inselgruppe, in der Nähe bedeutende Erdöllagerstätten vermutet werden, hatte China den Export der für die Hightech-Industrie so wichtigen Seltenen-Erde-Rohstoffe seit Ende September blockiert. Laut Aussage des japanischen Handelsministers hat China den Export nun wieder aufgenommen. China besitzt mit rund 97% der weltweit abgebauten Seltenen Erden derzeit quasi ein Monopol. Insgesamt verfügt das Reich der Mitte über rund 30% der weltweiten Reserven an diesen begehrten Rohstoffen.

 

DIW widerspricht angeblichen Facharbeitermangel:
Die Klagen der Wirtschaft über einen Facharbeitermangel seien „maßlos übertrieben“. Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat in einer Studie erklärt: Ein Fachkräftemangel sei „kurzfristig noch nicht in Sicht“. Weder die tatsächliche Situation am Arbeitsmarkt noch die Gegebenheiten bei der akademischen und betrieblichen Ausbildung untermauerten die These, dass Spezialisten fehlten.  Gleiches meint auch Gerhard Bosch, Direktor des Instituts für Arbeit und Qualifikation an der Uni Duisburg-Essen: Die Klagen der Wirtschaft seien maßlos übertrieben. Hintergrund ist folgender Widerspruch: „In der Marktwirtschaft zeigt sich ein Mangel daran, dass die Preise steigen.“ Doch auch qualifizierte Beschäftigte hätten in jüngster Zeit keine deutlichen Lohnerhöhungen bekommen – der Mangel lasse sich also schlichtweg nicht belegen.

 

Afrikanisches Gepäckstück war keine Bombe, sondern ein Test-Dummy:

Nach Medieninformationen soll es sich bei dem verdächtigen Gepäckstück in Namibia, das vor einem Air-Berlin Flug nach Deutschland entdeckt wurde, nicht um eine Bombe, sondern vielmehr um einen Dummy für Testzwecke handeln. Auch Air Berlin habe laut CNN bestätigt, dass die verdächtige Computertasche keinen Sprengstoff enthielt. Lediglich die Bundesregierung will das noch nicht bestätigen. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP): „Man darf diese schwierige Sicherheitslage und die Terrordrohungen jetzt nicht politisch instrumentalisieren.“ Allerdings stellte sich schon bei den USA diverse male die Frage, ob aufgebauschte Terrorwarnungen nicht vielmehr oftmals ein Griff in die politische Trickkiste sind, um von gravierenderen politischen Diskussionen abzulenken, die meist innenpolitischer Natur das Ansehen der Regierenden (weiter) beschädigen könnten. So äußerte sich auch Grünen-Fraktionsvize Hans-Christian Ströbele, der dem parlamentarischen Kontrollgremium an, das die Arbeit der Geheimdienste überprüfen soll, skeptisch zur Glaubwürdigkeit der Terrorwarnung: In den vergangenen Jahren seien schließlich immer wieder derartige Warnungen herausgegeben worden. Er habe vielmehr den Verdacht, die Bundesregierung verstärke die Terrorangst, um die Sicherheitsgesetze zu verschärfen und die Vorratsdatenspeicherung durchzusetzen.

 

Politik und Wirtschaft zeichnen „Umweltpakt Bayern“:
Die Politik im Freistaat und die Spitzen der bayerischen Wirtschaft haben für die Zukunft weiterhin eine enge Zusammenarbeit beim Umweltschutz vereinbart. Ministerpräsident Horst Seehofer: „In Bayern ziehen Staat, Wirtschaft und Unternehmen gemeinsam an einem Strang und machen Ernst mit Umwelt- und Klimaschutz.“ Umweltminister Söder präzisierte: „Kooperation statt Konfrontation, gemeinsam statt gegeneinander.“ An dem neuen, insgesamt vierten „Umweltpakt Bayern“ (erstmals 1995) sind über 5.500 Unternehmen beteiligt – das ist eine Versechsfachung gegenüber dem Jahr 2000. Den Angaben zufolge liegt Bayern beim Energieverbrauch bezogen auf die Wirtschaftskraft rund 20% unter dem Durchschnitt. Zudem seien die Unternehmen bundesweit Spitze bei der Einführung von innovativen Umweltmanagementsystemen. Der neue Pakt setzt sich unter anderem das Ziel, bis 2020 „Bayern zum ressourceneffizientesten Land Deutschlands“ zu machen – dann soll aus der gleichen Menge an Rohstoffen im Vergleich zu 1994 doppelt so viel Nutzen gezogen werden.

 

Fusion der Berater – Roland Berger kommt zu Deloitte:
Deloitte und Roland Berger wollen fusionieren und damit weltweit die Nummer zwei hinter McKinsey werden. Deutschlandweit winkt die Marktführerschaft. Antonio Schnieder, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater (BDU): „In den nächsten Jahren werden wir weitere Zusammenschlüsse in unserer Branche sehen.“ Die Branche wächst weltweit nur noch moderat, was Konsolidierungsdruck erzeuge.

 

GM-Börsengang, eine 23-Mrd.-Dollar-Wettberwerbsverzerrung:
US-Präsident Obama feiert die Rückkehr General Motors an die Börse als riesigen Erfolg. Mit stehenden Ovationen begrüßten Händler und Investoren am Donnerstag den US-Autobauer zurück auf dem Parkett, die Aktie schloss mit 35 Dollar zwei Dollar über dem Ausgabekurs. Die Konkurrenz der Autobauer hingegen ist verbittert. Der Tenor: Wer miserabel wirtschaftet, wird dafür auch noch belohnt. Branchenexperte Stefan Bratzel: „Die Staatshilfen für General Motors sind ein massiver Eingriff in den Wettbewerb. Mit einer geordneten Insolvenz wäre GM nicht verschwunden, aber die Sanierung hätte länger gedauert. In der Zwischenzeit hätten andere Hersteller weltweit größere Marktanteile von GM übernommen. Diese Wettbewerbsverzerrung würde die ganze Branche belasten.

 

Opel wird wieder AG – und damit eigenständiger:
Die GM-Tochter Opel steht vor einer Umfirmierung von einer GmbH zu einer AG. Erst 2005 wurde die Adam Opel AG in eine GmbH umgewandelt, um der US-Mutter mehr Mitspracherechte einzuräumen. Die neue Gesellschaftsform als AG soll nun wieder die Eigenständigkeit des Opel-Managements, insbesondere in Produktfragen, erhöhen und zudem die Mitsprachemöglichkeiten der Arbeitnehmer erweitern.

 

Schaffler legt deutlich zu und hofft, Conti-Übernahme zu verdauen:
Der Automobilzulieferer Schaeffler profitert von dem boomenden Automarkt und kann für das erste dreiviertel Jahr Glanzzahlen vorlegen: Der Umsatz stieg um 31 Prozent auf sieben Milliarden Euro, Gewinn vor Steuern und Zinsen (Ebit) von 300 Millionen auf 1,1 Milliarden Euro. Nun sollen die bei der Übernahme von Continental entstandenen hohen Schulden abgebaut werden. Zum 30. September sank die Netto-Verschuldung nun leicht um 386 Millionen auf noch 5,8 Milliarden Euro. Die Eigenkapitalquote liegt bei 23 Prozent.

 

Bayer streicht 4.500 Stellen, davon 1.700 in Deutschland:
Der Pharma- und Chemiekonzern Bayer hatte im dritten Quartal 2010 rund 8,58 Mrd. Euro umgesetzt und ein Ebita von 1,656 Mrd. Euro erwirtschaftet. Nach Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Sonderposten ergab das für die drei Monate einen Gewinn von 280 Mio. Euro. Für das Gesamtjahr wird ein Ebitda von mehr als 7 Mrd. Euro erwartet. Der neue Bayer-Chef Marijn Dekkers hat nun ein radikales Sparprogramm angekündigt, das den Abbau von 4.500 Arbeitsplätzen, davon allein 1.700 in Deutschland, beinhaltet. Damit sollen ab 2013 rund 800 Millionen Euro pro Jahr eingespart werden. Etwa die Hälfte davon will Bayer reinvestieren. Hintergrund sei der scharfe Wettbewerb, Einsparungen (bei den ausufernden Kosten) in den Gesundheitssystemen vieler Industrieländer und die Absicht, in die boomenden Schwellenländer Asiens zu investieren.

 

Dell kann Gewinn auf 822 Mio. Dollar mehr als verdoppeln:
Der US-Computerhersteller Dell hat seinen Gewinn im dritten Quartal mehr als verdoppelt. Der Überschuss stieg von 337 Mio. Dollar im zweiten auf 822 Mio. Dollar im dritten Quartal. Der Umsatz erhöhte sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 19% auf 15,4 Mrd. Dollar. Niemals zuvor hat der Konzern mehr verdient. Verantwortlich dafür sind vor allem die Firmenkunden.

 

Chinesischer Atom-Chef erhält Lebenslänglich wegen Korruption:
Kang Rixin, der frühere Chef des chinesischen Atomprogramms, der China National Nuclear Corporation (CNNC)  ist wegen Korruption, Annahme von Bestechungsgeldern und Amtsmissbrauch zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Die CNNC ist der größte Betreiber von Atomkraftwerken in China.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.