Wirtschaft

Informationsdienst Wirtschaft und Unternehmen: 27.10.2010

Bankenbranche:
1. EU-Parlament stimmt Hedgefonds-Regulierung zu:
2. Neues US-Steuergesetz sieht umfangreiche Meldepflichten ausländischer Banken vor:
3. Bundesregierung deckelt Managergehälter staatlich gestützter Banken stärker:
4. Vor oder nach der Krise? Banker und staatliche Regulierer streiten weiter:
5. Aufseher der BayernLB wollen Schadensersatz von den ehemaligen Vorständen:
6. Deutsche Bank aufgrund der Postbank-Übernahme mit 1,2 Mrd. Euro im Minus:
7. Investmentbanking drückt den Gewinn der UBS:

Automobilindustrie:
8. Ford meldet Rekord aber floppt in Europa:
9. BMW drohen in der Schweiz empfindliche Strafen:
10. Automobilzulieferer Honsel wegen „Heuschrecke“ insolvent:
11. Autozulieferer Bosch bedankt sich finanziell bei den Mitarbeitern:

Informationstechnologie:
12. IBM kauft für 10 Mrd. Dollar eigene Aktien zurück:
13. SAP mit 656 Mio. Euro Gewinn im 3. Quartal:

Sonstiges:
14. Britisches Wachstum mit 0,8% doppelt so hoch wie befürchtet:
15. US-Firmen mit 943 Mrd. Dollar an aktuellen Bargeldreserven:
16. US-Unternehmen baut Produktion Seltener Erden massiv aus:
17. Puma verliert durch kriminelle Machenschaften in Griechenland 115 Mio. Euro:

 

Bankenbranche:

 

EU-Parlament stimmt Hedgefonds-Regulierung zu:
Nach langen Verhandlungen zwischen der EU-Kommission, den Wirtschafts- und Finanzministern der Mitgliedsstaaten (Rat) und dem EU-Parlament ist eine Einigung bei der Regulierung hochspekulativer Hedgefonds erreicht. Alle Gremien haben ihre Zustimmung zu dem Kompromiss signalisiert, im November erfolgt die abschließende formale Zustimmung des Parlaments. Die neue Regelung sieht vor, dass sich Fondsmanager künftig registrieren lassen und Risiken sowie Anlagestrategien offen legen müssen. Fonds aus Drittstaaten benötigen von 2015 an einen sogenannten EU-Pass. Laut EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier ist dies das erste Mal, dass sich ein großer Sektor der Finanzdienstleistungsbranche in einer Regulierung befinde. Die Einigung auf die Hedgefonds-Regeln gilt als wichtiges Zeichen für den im November stattfindenden G20-Gipfel in Südkorea.

 

Neues US-Steuergesetz sieht umfangreiche Meldepflichten ausländischer Banken vor:
Das ab 2013 geltende Steuergesetz „Foreign Account Tax Compliance Act“ (FATCA) sieht umfangreiche Meldepflichten für Versicherer, Banken und Fonds vor, die in den USA aktiv sind. Demnach sollen Daten von US-Kunden künftig automatisch bei der Steuerbehörde gemeldet werden – Ziel ist eine härtere Umsetzung der US-Steuergesetze und eine Erschwerung der Steuerhinterziehung. Sämtliche Finanzinstitute müssen demnach mit der US-Steuerbehörde IRS einen Vertrag schließen und die Konten, die von ihnen für US-Personen geführt werden, automatisch melden. Liegt kein Vertrag vor, muss pauschal 30% Bruttosteuer auf die Zahlungen entrichtet werden. Dabei muss laut FATCA die gesamte Wertschöpfungskette FATCA-tauglich sein. Selbst eine kleine Sparkasse, die selbst kein US-Geschäft hat, muss die Voraussetzungen erfüllen, wenn sie mit einer anderen Bank Geschäfte macht, die direkt von FATCA betroffen ist. Besonders die Schweiz, die derzeit mehrere bilaterale Steuerabkommen verhandelt – unter anderem mit Deutschland, um Steuerhinterziehungen zu erschweren – leistet gegen das Regelwerk Widerstand. Aufgrund hoher Kosten für neue IT-Systeme befürchtet die Finanzbranche insgesamt Kosten von 1.000 Mrd. bis 2.000 Mrd. Dollar. Betroffen sind rund 50.000 bis 100.000 Firmen.

 

Bundesregierung deckelt Managergehälter staatlich gestützter Banken stärker:
Die Bundesregierung verschärft die Regelung für Managergehälter staatlich gestützter Banken. Vom nächsten Jahr an werden die Gehälter auch für Positionen unterhalb des Vorstands auf 500.000 Euro pro Jahr begrenzt – allerdings nur für Mitarbeiter im Inland und bei Banken, an denen der Staat mit mehr als 75% beteiligt ist.

 

Vor oder nach der Krise? Banker und staatliche Regulierer streiten weiter:
Bei einer Veranstaltung in New York lieferten sich Citigroup-Chef Vikram Pandit und der Gouverneur der (Notenbank) Bank of England, Mervyn King, einen bemerkenswerten Schlagabtausch zu den neuen Eigenkapitalregeln Basel III. Dabei wurden die momentanen Spannungen zwischen Bankern, die in der Nachkrisenwelt möglichst unreguliert Gewinne wie in der Vorkrisenzeit einfahren wollen und den staatlichen Regulierern offenbart, denen die neuen Regeln noch nicht weit genug gehen. So will beispielsweise auch die Schweiz für ihre eigenen Großbanken nahezu doppelt so strengere Regelungen erlassen, als in dem von Lobbygruppen stark beeinflussten Regelwerk Basel III vorgesehen. Und sogar Großbritannien geht die Regelung nicht weit genug, um künftige Krisen zu verhindern. Laut Mervyn King sollten die nationalen Aufseher daher über weit höhere Kapitalanforderungen nachdenken. Dahingegen hat der Citigroup-Chef vor Risiken aufgrund des neuen Regelwerkes gewarnt. Aufgrund der „übermäßigen Belastungen“ würde die Ertragskraft der Branche darunter leiden. (Zur Ertragskraft: Die Finanzkrise hat rund 4,1 Billionen Dollar an Werten vernichtet. Dagegen werden die Erträge allein der Wall Street Banken in diesem Jahr voraussichtlich wieder um 3% auf total 448 Milliarden Dollar steigen. 32% dieser Einkünfte sollen per Boni an die Mitarbeiter ausgeschüttet werden (2007 noch 36%): insgesamt 144 Milliarden Dollar für 2010). Allerdings warnte der Citygroup-Chef zu Recht, dass wenn Hedge-Fonds und Private-Equity-Gesellschaften weiterhin von den Regeln ausgenommen werden, drohe ein neues Schattenbankensystem zu entstehen. Basel III laufe damit Gefahr "neue Anreize zu schaffen, einige der schlimmsten Bestandteile des Umfelds neu aufzubauen, die zu der Finanzkrise geführt hatten". Dadurch würde das Risiko im System steigen.

 

Aufseher der BayernLB wollen Schadensersatz von den ehemaligen Vorständen:
Im Zuge der Aufarbeitung des Skandals um die österreichische Hypo Group Alpe Adria (HGAA) verlangt der Verwaltungsrat der bayerischen Landesbank Schadenersatz und droht früheren Vorständen mit Klagen. Dies gelte für sämtliche am Kauf beteiligten Vorstände. Im Falle ihres Widerstands drohen Klagen. Die Höhe der Forderungen ist zunächst nicht bekannt. Durch das HGAA-Desaster ist dem Freistaat ein Schaden von mehr als 3,7 Mrd. Euro entstanden.

 

Deutsche Bank aufgrund der Postbank-Übernahme mit 1,2 Mrd. Euro im Minus:
Die Deutsche Bank weist für das dritte Quartal ein Minus von 1,2 Mrd. Euro aus – nach einem Gewinn im zweiten Quartal von 1,2 Mrd. Euro. Ohne die Abschreibung auf die Anteile an der Postbank in Höhe von 2,3 Mrd. Euro wäre ein Nachsteuergewinn von 1,1 Mrd. Euro erzielt worden. Allerdings schnitt auch bei der Deutschen Bank das Investmentbanking schlechter ab als erwartet. Das Vertrauen der Kunden sei in diesem Bereich noch nicht zurück, daher läuft das für die Finanzkrise hauptverantwortliche Geschäft des Spekulierens nicht mehr so gut wie in Vorkrisenzeiten. Ackermann versucht daher, die Deutsche Bank unabhängiger vom Investmentbanking zu machen. Die Sparte sei zwar mit Abstand die wichtigste des Geldhauses, allerdings sei dieses Geschäft auch extrem schwankungsanfällig.

 

Investmentbanking drückt den Gewinn der UBS:
Die Schweizer Großbank UBS konnte im dritten Quartal erstmals seit zehn Quartalen den Nettoabfluss abwenden und wieder netto neues Geld anziehen. Der Konzerngewinn sank allerdings in Folge des schlechten Investmentbankings auf 1,2 Milliarden Euro. Die Investmentbank fuhr einen Vorsteuerverlust von 406 Millionen Franken ein, im zweiten Quartal wurde hier noch ein Gewinn von 1,31 Milliarden Franken erzielt.

 

Automobilindustrie:

 

Ford meldet Rekord aber floppt in Europa:
Der US-Autobauer Ford, der im Gegensatz zu seinen US-Konkurrenten GM und Crysler keine staatliche Unterstützung in der Krise benötigt hatte, meldet einen Rekord für das dritte Quartal. Der Nettogewinn stieg um 68% auf 1,7 Mrd. Dollar, das beste Quartal in der 107-jährigen Konzerngeschichte. Der Umsatz lag bei 29 Mrd. Dollar. Vorrangiges Ziel ist es nun, den gewaltigen Schuldenberg von mehr als 25 Mrd. Dollar abzubauen. 2 Mrd. Dollar wurden bereits im zweiten Quartal zurückgezahlt, weitere 3,6 Mrd. Dollar folgen am Freitag. Die Barreserven des Autobauers belaufen sich auf 20,3 Mrd. Dollar. Bis zum Jahresende sollen diese mindestens so hoch sein wie die Schulden. In Europa drehte sich der operative Gewinn von 131 Mio. Dollar in einen Verlust von 196 Mio. Dollar. Grund seien verlorene Marktanteile und die Kosten neu anlaufender Modelle.

 

BMW drohen in der Schweiz empfindliche Strafen:
Die eidgenössische Wettbewerbskommission wirft BMW vor, Direktimporte bewusst verhindert zu haben, um auf diese Weise dir Preise künstlich hochzuhalten. Schweizer Kunden hätten jedoch das Recht, Fahrzeuge auch im EU-Raum kaufen zu können. Damit drohen dem bayerischen Autobauer empfindliche Strafen: Die mögliche Maximalbuße beträgt 10% des BMW-Umsatzes in der Schweiz über drei Jahre. Der Umsatz der BMW Group Switzerland belief sich 2009 auf 1,675 Mrd. Schweizer Franken. Die Untersuchung dürfte ein bis zwei Jahre dauern.

 

Automobilzulieferer Honsel wegen „Heuschrecke“ insolvent:
Trotz glänzender Geschäfte und voller Auftragsbücher muss der sauerländische Automobilzulieferer Honsel mit weltweit 4.000 Mitarbeitern Insolvenz anmelden. Hintergrund ist die Übernahme durch die RHJ International in Brüssel, einer Tochter des US-Finanzinvestors Ripplewood, im Jahr 2004 für 625 Mio. Euro vom US-Rivalen Carlyle. Weil die Übernahme größtenteils kreditfinanziert war, litt Honsel in der Folge unter einer enormen Schuldenlast. Der IG-Metall-Bevollmächtigte Wolfgang Werth: "Der Haupteigner hat (…)  kein wirtschaftliches Konzept gehabt, sondern immer nur auf das Geld von Kunden und Beschäftigten geschielt. (…) Die Insolvenz bietet die Chance, Heuschrecken und Finanzinvestoren loszuwerden und wieder einen strategischen Investor zu finden."

 

Autozulieferer Bosch bedankt sich finanziell bei den Mitarbeitern:
Die erste Stufe der Tariferhöhung von 2,1 Prozent hatte der weltgrößte Autozulieferer Bosch krisenbedingt um fünf Monate auf den 1. Oktober 2009 nach hinten verschoben. Zudem gab es eine Kürzung von Sonderzahlungen, um die Kosten der Kurzarbeit zu senken. Bosch-Konzernbetriebsratsvorsitzende Alfred Löckle: "Die Belegschaft stand hinter diesem Kurs und bewies eine große Solidarität, in der Krise füreinander einzustehen." Daher werde nun vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Erholung die flexiblen Komponenten des Tarifvertrags erneut genutzt – diesmal zugunsten der Mitarbeiter – und die für April 2011 vereinbarte Tariferhöhung von 2,7% bereits vom 1. Februar 2011 an gezahlt. Davon profitieren 85.000 Mitarbeiter an den deutschen Bosch-Standorten (Mitarbeiter weltweit: 275.000).

 

Informationstechnologie:

 

IBM kauft für 10 Mrd. Dollar eigene Aktien zurück:
Der US-Technologiekonzern IBM kauft eigene Aktien im Wert von 10 Milliarden Dollar zurück. Dies entspricht rund sechs Prozent der im Umlauf befindlichen Anteilscheine. Erst im April dieses Jahres hatte IBM angekündigt, eigene Aktien im Volumen von 8 Milliarden Dollar zurückzukaufen.

 

SAP mit 656 Mio. Euro Gewinn im 3. Quartal:
Der Weltmarktführer für Unternehmens-Software aus Walldorf hat im dritten Quartal seinen Gewinn im Vorjahresvergleich um 25% auf 656 Mio. Euro steigern können. Die um Einmaleffekte bereinigte operative Marge betrug 29,1% (Vorjahr: 27,4%). Für das vierte Quartal ist SAP optimistisch, da in den Monaten Oktober bis Dezember die meisten Software-Geschäfte abgeschlossen werden. Im kalifornischen Oakland beginnt allerdings derzeit ein von Oracle angestrengter Schadenersatzprozess gegen SAP in Milliardenhöhe. Die US-Tochter TomorrowNow von SAP habe Software-Daten von Oracle-Rechnern im großen Stil gestohlen. SAP hat die Verantwortung übernommen und hofft, die Summe auf einen zweistelligen Millionenbetrag drücken zu können.

 

Sonstiges:

 

Britisches Wachstum mit 0,8% doppelt so hoch wie befürchtet:
Die britische Wirtschaft ist im dritten Quartal mit 0,8% stärker gewachsen als zunächst befürchtet. Experten waren von 0,4% ausgegangen. Im Jahresvergleich ergab sich für den Sommer eine Wachstumsrate von 2,8%, die höchste seit drei Jahren. Großbritannien mit dem Finanzzentrum London weist krisenbedingt 2010/11 mit 11% eine der höchsten Defizitraten der EU auf. Die Staatsverschuldung wird auf voraussichtlich 80% des BIP Ende 2010 steigen (2007: 45%).

 

US-Firmen mit 943 Mrd. Dollar an aktuellen Bargeldreserven:
Laut dem Moody’s Investors Service besitzen die US-Firmen mit dem Stand Mitte 2010 rund 943 Mrd. Dollar an Barreserven – die Unternehmen aus der Finanzbranche darin nicht eingerechnet (Ende 2008: 775 Mrd. Dollar). Aufgrund der unklaren Entwicklung der Konjunktur werde das Geld aber aktuell kaum in den Geschäftsaufbau investiert oder für Neueinstellungen ausgegeben. Dies, sowie umfangreiche Aktienrückkäufe und Zukäufe, werde erst erfolgen, wenn sich die (US-)Wirtschaft wieder ausreichend stabilisiert. Nach Branchen liegen 207 Mrd. Dollar bei Technologie-, 124 Mrd. bei Pharma- und 105 Mrd. bei Energie-Unternehmen. Cisco weist mit 40 Mrd. Dollar den höchsten Betrag auf, gefolgt von Microsoft mit 37 Mrd., Google mit 30 Mrd., Oracle mit 23 Mrd. und Ford mit 22 Mrd. Dollar.

 

US-Unternehmen baut Produktion Seltener Erden massiv aus:
Der US-Konzern Molycorp, der größte westliche Produzent, will seine Produktion seltener Hightech-Metalle, als „Seltene Erden“ bezeichnet, massiv ausbauen und damit die Abhängigkeit der weltweiten Industrie von chinesischen Exporten verringern. Bis Ende 2012 soll die US-Produktion auf 20.000 Tonnen jährlich hochgefahren und damit rund ein Sechstel der weltweiten Nachfrage bedient werden. Zudem sollen die Seltenen Erden Molycorps nur rund die Hälfte des aktuellen Preises aus China kosten. Dieses hatte jüngst angekündigt, seine Exporte zugunsten der inländischen Verarbeitung um rund 30% herunterfahren zu wollen.

 

Puma verliert durch kriminelle Machenschaften in Griechenland 115 Mio. Euro:
Der Sportartikelhersteller Puma wirft seinen Geschäftspartnern in Griechenland kriminelle Machenschaften vor. Systematische Hinterziehung und Veruntreuung von Geldern durch die Partner des Joint Ventures in Zusammenarbeit mit Mitgliedern des griechischen Managements führen zu 115 Mio. Euro Abschreibungen, davon entfallen rund 90 Millionen Euro auf den eigentlichen Fall und bis zu 25 Millionen auf eine Firmenwert-Abschreibung beim Joint Venture. Die Unregelmäßigkeiten wurden bei internen Prüfungen entdeckt. Die Umstände sollen schonungslos aufgeklärt, juristische Maßnahmen eingeleitet und Schadensersatz gefordert werden.

 

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